Franz Kafka. Illustration: Naci Yavuz (fogbird) / Alamy

«Schöner Tag, sonnig, warm, windstill.»

Am 12. September 1917 kam ein Mann an, den alle im 350-Seelen-Dorf sofort als den Fremden erkannten. Denn nach Zürau (Siřem) im Nordwesten Böhmens verirrte sich kaum einer. Was hatte der sorgfältig gekleidete Ankömmling aus der Hauptstadt, «der Herr Dr. Kafka», hier verloren?

Von Beatrice Eichmann-Leutenegger


Am 12. September 1917 kam ein Mann an, den alle im 350-Seelen-Dorf sofort als den Fremden erkannten. Denn nach Zürau (Siřem) im Nordwesten Böhmens verirrte sich kaum einer. Was hatte der sorgfältig gekleidete Ankömmling aus der Hauptstadt, «der Herr Dr. Kafka», hier verloren?

Kurz zuvor hatte sich Franz Kafka (1883–1924) ein zweites Mal mit seiner Berliner Braut Felice Bauer verlobt. Aber er setzte den zähen Kampf um den ausschliesslichen Platz für die Literatur in seinem Leben fort. Die Beamtentätigkeit in der «Arbeiter- und Unfall-Versicherungsanstalt des Königreichs Böhmen» sowie die drohende Eheschliessung standen diesem Anspruch entgegen. Da offenbarte der Blutsturz in der Nacht des 9./10. August die Lungentuberkulose – für Kafka das Zeichen, sich endlich seiner wahren Aufgabe zu widmen. Ein Aufenthalt im Hopfenbauerndorf Zürau bot sich an, wo Ottla, die jüngste seiner drei Schwestern, im 20 Hektar grossen Landwirtschaftsbetrieb ihres zum Kriegsdienst verpflichteten Schwagers Karl Hermann arbeitete. Im «Schutz der Krankheit» wagte Kafka den Ausbruch. Vom Leben auf dem Land erhoffte er, ein Anhänger der Naturheilpraxis, günstige Auswirkungen auf die Tb und verwarf alle Mahnungen, doch in den Süden zu reisen.

Acht Monate blieb er in Zürau, wo Strom und fliessendes Wasser fehlten und es kriegsbedingt an Lebensmitteln, Kohle und Petroleum mangelte. Was die Freunde in der Stadt kaum glaubten, traf ein: Er erlebte glückliche Momente, festgehalten im Tagebuch, und es war vielleicht die beste Zeit seines Lebens. Felice besuchte ihn überraschend – er reagierte unwirsch. Während der Weihnachtstage in Prag erschien sie erneut, doch das Verlöbnis wurde nun endgültig gelöst. Nachdem er sich am Franz-Josephs-Bahnhof von ihr verabschiedet hatte, brach der stets so disziplinierte Kafka im Büro seines Freundes Max Brod schluchzend zusammen. Doch die Entscheidung war gefallen – er war frei.

Mehrere Erzählungen entstanden, ebenso die 109 «Zürauer Aphorismen», die Max Brod posthum 1931 unter dem von ihm gesetzten Titel «Betrachtungen über Sünde, Hoffnung, Leid und den wahren Weg» veröffentlichte. Doch erreichten diese verschlüsselten Kurztexte nicht die grosse Leserschaft. Eine der Aussagen lautet: «Du bist der Auftrag. Kein Schüler weit und breit».

Was irritiert? Die gängige Formulierung wäre: Du (Subjekt) hast den Auftrag (Objekt). Hier aber ist der Mensch selbst der Auftrag. Diese Identifikation des Subjekts mit dem Objekt steigert die Aussagekraft enorm. Erinnert wird man an das Diktum des Absolutismus «L’état c’est moi», das nach dem gleichen Muster verfährt. Ist also Kafka auf einen imperialen Sprachgestus verfallen? Doch findet sich auch ein biblisches Exempel: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben» (Joh 14,6). Überrascht stellt man eine Gemeinsamkeit zwischen Kafkas Aussage, der Staatsmaxime und dem Jesu-Wort fest: Jedes Mal drückt sich ein Absolutheitsanspruch aus. Kafka wählt diese Form der Verkörperung nicht zum ersten Mal, hat er doch an Felice Bauer geschrieben: «Ich bestehe aus Litteratur (sic!), ich bin nichts anderes und kann nichts anderes sein.»

Das Du des Aphorismus ist als ein Ich zu denken. Auch in den Tagebüchern führt Kafka auf diese Weise Zwiesprache mit sich selbst, oft im Sinn einer Selbstermahnung oder Selbstbezichtigung. Doch warum bleiben die Schüler*innen aus? Man denke an den Schluss der Erzählung «Vor dem Gesetz» (1914). Der Türhüter teilt dem sterbenden Mann, der ein Leben lang auf den Einlass gehofft hat, lakonisch mit: «Hier konnte niemand sonst Einlass erhalten, denn dieser Eingang war nur für dich bestimmt. Ich gehe jetzt und schliesse ihn.» Auch der Auftrag, von dem der Aphorismus so exklusiv spricht, ist nur für einen Einzigen bestimmt, daher nicht an Schüler*innen vermittelbar.

Worin der Auftrag gründet, steht zweifellos fest. Es ist das Schreiben, um das Kafkas Gedanken seit jener rauschhaften Nacht vom 22./23. September 1912, als die Erzählung «Das Urteil» entstand, unablässig kreisen. Danach peinigten ihn Phasen depressiver Leere, die zeitfressende Büroarbeit, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Selbstzweifel zuhauf. Ihn trieb die Frage um, ob sich sein hoher Schreibanspruch mit den Forderungen des Ehelebens vertrage. Franz Grillparzer, den Kafka wegen der lebensgeschichtlichen Ähnlichkeit verehrte, hatte dasselbe Dilemma erlebt. Seine Katharina Fröhlich blieb die «ewige Braut», Kafka sah Felice nicht wieder. Wer mit dem Auftrag derart eins wird, wählt die Einsamkeit als Gefährtin.

 


Buchhinweis:

Franz Kafka, Die Zürauer Aphorismen, hrsg. von Roberto Calasso. Suhrkamp: Frankfurt a. M. 2006

24. Juni 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 14
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