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Schwarzfahren

Ich sitze im Zug von Bern nach Zürich. Mein Natel klingelt! 
P: «Hallo»
M: «Hallo, schön dich zu hören»
P: «Gleichfalls. Ich habe Neuigkeiten: Ich bekomme eine ‹Carte blanche›!»
M: «Tennis»
P: «Nein, ‹pfarrblatt›!»
M: «Aha …»
P: «Ich darf schreiben, was ich will.»
M: «Ob das gut kommt? Besser du als ich!»
P: «Da könntest du recht haben!»
M: «Wie meinst du das?»
P: «Na, meine ‹Carte› ist ‹blancher› als deine. Ich habe weniger Dreck am Stecken, katholisch gesehen!»
M: «Das ‹pfarrblatt› ist katholisch?»
P: «Voll!»
M: «Aber auch du hast einige Flecken auf deiner katholischen ID!»
P: «Wer nicht?»
M: «Du sagst es!»Ich sehe den Zugbegleiter zur Wagentür hereinkommen. Ich suche mein Billett mit derfreien Hand in meiner Umhängetasche.
P: «Flecken machen das Leben abwechslungsreich und spannend. Stell dir ein klares, fehlerfreies Leben in all seiner Konformität vor. Es wäre von Tag zu Tag ein Wiederkäuenvon Gewesenem.»
M: «Das Leben ist vielleicht spannend, aber auch wahnsinnig anstrengend. Apropos Flecken; den Rotweinfleck unseres letzten philosophischen Gesprächsabends habe ich nicht sauber gekriegt.»
P: «Irdischer Plunder; hätte dazu mein Ex-Pfarrer gesagt.»
M: «Was, hat er eine Freundin?»
P: «Nein, pensioniert.»
M: «Aha!»
P: «Apropos irdisch … es geht ja um Flecken auf der Seele, nicht auf Teppichen.»
M: «Auf Seelenteppichen!»
P: «Auf Seelenteppichen – nicht angenehm, wenn da was befleckt ist … deshalb haben wir ja die Beichte.»
Nachdem ich die verschiedenen Fächer meiner Umhängetasche erfolglos durchsucht habe, bilden sich die ersten Schweissperlen auf meiner Stirne. Ich habe ein Billett gekauft und hoffentlich nicht im Automaten liegen gelassen. Der Kondukteur kommt näher.
M: «Gäbig; und du glaubst daran?»
P: «Ja schon … das hat mit Vertrauen in Gott zu tun, mit dem Glauben an ihn.»
M: «Den Glauben möchte ich haben!»
P: «Weisst du, das Vertrauen, dass nach dem Scheitern noch Hoffnung ist.»
M: «Das Vertrauen möchte ich haben!»
P: «Du musst nur wollen und bereit sein.»
M: «Ich spreche nicht von meinem Vertrauen und meinem Glauben!»
P: «Von wessen denn?»
M: «Dem der ‹pfarrblatt›-Redaktion, dir eine ‹Carte blanche› zu geben! Das braucht Gottvertrauen!»
P: «Genau um das geht es im Leben. Ist doch ein schöner Vertrauensbeweis.»
M: «Schön, aber mutig!»
Immer noch suche ich das Billett, der Kondukteur ist bedeutend näher gerückt, so nah, dass er meine Schweissperlen auf der Stirne sehen könnte.
P: «Da fängts an. Den Mutigen gehört die Welt.»
M: «Und den Demütigen das Reich Gottes.»
P: «Du, ich muss auflegen, der Kondukteur kommt! Tschüss!»
M: «O.K., tschau.»
K: «Bitte alle Fahrscheine vorweisen!»
Ich erkläre die Geschichte vom liegengebliebenen Billett. Ich appelliere an die 
Menschlichkeit und das Vertrauen in meine Worte.
P: «Ehrlich, glauben sie mir, es ist wirklich so passiert!»
Die anderen Fahrgäste schauen weg. Der Kondukteur schaut mich mitleidig an. Er hat wohl schon bessere Ausreden gehört.
K: «Das macht dann 100 Franken!» 

Patrik Böhler, Religionspädagoge, Erwachsenenbildner, Mitarbeiter der Fachstelle Religionspädagogik, lebt in Bern.Autorenportraits

16. Februar 2012