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Die ganze Welt im Kopf. Sich für unersetzbar halten? Alles kontrollieren und beherrschen. Foto: iStock/RyanJLane

Sich begrenzen können

In Benin lebt der Stamm der Batammariba (= gute Bauleute). Das Haus einer Grossfamilie sieht aus wie eine kleine runde Burg: Verschieden grosse Häuser stehen im Kreis und ihre Aussenmauern fügen sich aneinander. Ein Tor führt in den Innenhof, von dem aus man in die einzelnen Häuser gelangt. In einem wohnt das Familienoberhaupt, in einem anderen seine Frau, im nächsten die Grossmutter usw. Dann gibt es noch ein kleines Haus mit einem winzigen Eingang: das Haus für die Hühner.

Der Sippenhäuptling erklärt den Sinn: «Die Tür ist zwar sehr klein, aber gross genug, damit ein Kind hineinkriechen und die Eier holen kann. Ich muss nicht jedes Haus betreten können. Und so haben auch die Kinder eine Aufgabe, die nur sie erledigen können.»

Wie viel Weisheit liegt in der Architektur der guten Bauleute in Westafrika! Der Häuptling beschränkt sich auf bestimmte Häuser und überlässt das Hühnerhaus den Kindern, die damit eine eigene Rolle und Verantwortung bekommen. Wir Europäer*innen haben oft eine andere Mentalität: Wir wollen alles kontrollieren.

Es gibt ein Streben nach Macht, durch die wir überall Zutritt haben und alles beherrschen. Doch wohin führt dieser Wunsch nach einem Generalschlüssel für alle möglichen Räume? Wenn Menschen sich nicht begrenzen können, kommt es fast unweigerlich zum Konflikt: Ein Nachbar mischt sich in Angelegenheiten ein, die ihn nichts angehen. Eltern wollen ihre heranwachsenden Kinder immer noch kontrollieren. Ein Chef kann keine Verantwortung delegieren – und überfordert sich immer mehr.

Wie menschlich wäre es dagegen, wenn wir uns selber beschränken würden! Der christliche Glaube geht sogar davon aus, dass Gott sich begrenzt und damit der Schöpfung Raum und dem Menschen Verantwortung gibt! Und ich? Kann ich Aufgaben abtreten – ohne die Angst, dass ich mit Macht und Einfluss auch meinen Wert verliere? Kann ich mir selber Grenzen setzen, indem ich den Schlüssel zu einer Tür abgebe und mich auf bestimmte Räume und Aufgaben begrenze?

 

 

 

 

Andreas Knapp
… gehört der Ordensgemeinschaft «Kleine Brüder vom Evangelium» an. In Leipzig engagiert er sich in der Flüchtlingsarbeit und Gefängnisseelsorge.
Illustration: schlorian

 

   

«Wir nehmen uns die Zeit» im Überblick

30. April 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 10
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