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News-Artikel

Luna Mwezi als «Platzspitzbaby». Foto: Ascot Elite Entertainment

Special zu den Solothurner Filmtagen

Sabrina Durante war für das «pfarrblatt» an den Solothurner Filmtagen. Hier ihre Eindrücke und Filmtipps.

Die Nebelhauptstadt des Mittellandes ist der perfekte Ort, um Ende Januar eine Woche lang (oder ein paar Tage) vom frühen Morgen bis zum späten Abend in den verschiedenen Kinosälen zu sitzen und das neuste aus dem Schweizer Filmschaffen zu geniessen – und dies ohne Popcorn-Geknusper und ohne Pausenunterbrechung, dafür im Austausch mit Filmemachern und Regisseuren, die meist nach dem Film von ihren Erfahrungen erzählen und Fragen aus dem Publikum beantworten. Für Sie zusammengetragen: eine nicht repräsentative und durchaus subjektive Auswahl quer durch die Genres. Die einen Filme laufen bereits, andere werden in den nächsten Monaten folgen oder vielleicht wieder aufgenommen: wo keine Angaben stehen, empfehlen wir, regelmässig die Kinoprogramme der Region zu studieren und sich diese Perlen nicht entgehen zu lassen!

Platzspitzbaby

Die Anfangssequenz führt uns zurück in die Zeit der offenen Drogenszene am Zürcher Platzspitz - hierfür wurden als Statisten viele rekrutiert, die vor 30 Jahren Teil dieser Szene waren, und Passanten an dem ersten Drehtag verwarfen ahnungslos die Hände und fragten sich, ob es hier jetzt wieder losgehe... Nein, es geht nicht los, aber die Drogenszene war damals auch nicht weg, nur weil sie nicht mehr so sichtbar war. So begleiten wir die elfjährige Mia und ihre Mutter Sandrine, die jetzt in ihre Heimatgemeinde ins Zürcher Oberland ausgelagert werden – am Anfang zeigen Magnetbuchstaben am Kühlschrank, wie viele Tage Sandrine schon von den Drogen weg ist. Doch die Sucht ist zu stark, Mia kann nicht die Rolle der Erzieherin ihrer eigenen Mutter übernehmen. Während Sandrine schon bald wieder Anschluss an die alte Szene findet, befreundet sich Mia mit einigen anderen Aussenseitern aus dem Dorf. Und ein imaginärer Freund vermag ihre Stimmung ab und zu mit dem Lied «Sloop John B.» der Beach Boys aufzuheitern. Es bricht einem das Herz, zuzuschauen, wie die Situation der Mutter eskaliert und die Kleine immer noch hofft, sie retten zu können. Von den überforderten Behörden ist keine Hilfe zu erwarten. Am Schluss ist es Mia selber, die sich diesem Sog zu entziehen vermag.

Ein Film, der einem ans Herz geht und von der grandiosen schauspielerischen Leistung der Luna Mwezi als Mia und Sarah Spale als Sandrine lebt.


Platzspitzbaby, CH 2019, 100 Min.
Regie: Pierre Monnard, das Drehbuch wurde inspiriert durch das Buch «Platzspitzbaby» von Michelle Halbheer und Franziska K. Müller. Mit Luna Mwezi, Sarah Spale, Delia Malär, Jerry Hoffmann, Anouk Petri. 

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 «Platzspitzbaby» läuft in Bern in den Kinos CineBubenberg, CineMovie, Pathé Westside, Splendid.

Moskau einfach!

Erinnern Sie sich noch an den Fichen-Skandal? Das sagt einiges über Ihr Alter aus. Regisseur Micha Lewinsky führt uns zurück in die Schweiz der 80er-Jahre, als die Geheimpolizei Hunderttausende überwachte, die Sympathien oder Interesse für den Osten zeigten, für eine Schweiz ohne Armee oder die sich im Milieu der freien Künste bewegten – Schauspieler, Moderatoren eines unabhängigen Radios etc.

Der engagierte Polizist Viktor Schuler wird als verdeckter Informant ins Zürcher Schauspielhaus eingeschleust, um verdächtige linke Theaterleute zu beobachten. Dazu muss er sich von seinem Schnauz und seinen Bundfaltenhosen verabschieden, bekommt eine neue Identität (er heisst jetzt Walo und ist ein ehemaliger Matrose) und entdeckt als Statist eine für ihn ganz neue Welt. Gut, es kommt nicht sehr überraschend, dass er dabei Sympathien für dieses Milieu entwickelt und sich in die Schauspielerin Odile verliebt, die er eigentlich observieren sollte. Der Mauerfall und die Aufdeckung des Fichenskandals bringen eine dramatische Wendung in die Geschichte: wer sind jetzt die «Bösen»? Viktor/Walo muss sich nun für eine Seite entscheiden.

Neben viel Situationskomik macht uns der Film bewusst, wie wenig es noch vor 30 Jahren brauchte, um als Gefahr für den Staat zu gelten und eine Fiche zu bekommen. Und Micha Lewinsky? Er hatte natürlich auch eine, erzählte er stolz an der Vorpremiere in Solothurn: er hatte einmal das Russische Konsulat angerufen, weil er für einen Vortrag Material zur Transsibirischen Eisenbahn brauchte. Das Material hat er nie bekommen, den Eintrag allerdings schon.


Moskau Einfach! CH 2019, 99 Min.
Regie: Micha Lewinsky. Mit Philippe Graber, Mirjam Stein, Mike Müller.

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Kinostart in der Deutschschweiz: 13. Februar 2020
Vorpremiere in Anwesenheit des Regisseurs und weiteren Cast-Mitgliedern: Mi 05.02.2020 20:00 - Bern, CineClub, Bund Filmsoirée

Wir Eltern

Wer Teenager zu Hause hat, wird so viele Déjà-vus haben bei diesem Film: zwei Jungs, die nicht aus dem Bett zu kriegen sind, ihre Wäsche überall herumliegen lassen, ihre Zimmer als multifunktionale Müllcontainer anschauen nur etwas garantiert nicht machen: sich von ihren Eltern oder Lehrern etwas sagen lassen. Dabei wollten die Eltern mit ihrer offenen, liberalen Art ein Vorbild sein: jetzt werden sie mit rassistischen und sexistischen Sprüchen konfrontiert. Da nützt keine «Strichliste» und keine Deadline, wann der Sohn endlich ausziehen muss. Es hilft auch nicht, dass die Zwillinge zu ihrem 18. Geburtstag vom Grossvater eine schöne Summe Geld bekommen – jetzt können die Eltern nicht mal mehr den Geldhahn zudrehen. Was tun? Als «dokumentarische Einwürfe» kommen mitten im Film diverse ExpertInnen zu Wort: Der Kinderarzt und Autor Remo Largo («Kinderjahre» und weitere Referenzbücher zum Thema Erziehung) sitzt im Badezimmer des Sets mitten in Bergen von Wäsche und gibt seine Meinung zur Situation, der Paar- und Familienberater Henri Guttmann setzt sich an den Tisch, und die Gesellschaftsjournalistin Michèle Binswanger gibt vom Ehebett ihre Analyse dazu. Eine fixfertige Lösung hat zwar keiner, aber sie geben den Eltern – und dem Publikum – das Gefühl: Ihr seid nicht alleine.

Das Besondere an diesem Film: es basiert auf Gegebenheiten, die in der realen Familie der Schriftstellerin Ruth Schweikert und ihres Mannes Erich Bergkraut vorgekommen sind – mit der nötigen Zuspitzung, die es für einen Film braucht. Der Vater und Filmemacher Erich Bergkraut führte Regie, die drei Söhne stehen auf dem Set, und die Schauspielerin Elisabeth Niederer springt in die Rolle der Mutter. Ein grosses Vergnügen mit unkonventionellen Drehs und viel Humor.


Wir Eltern, CH 2019, 94 Min.

Regie Erich Bergkraut, Drehbuch Ruth Schweikert, mit Elisabeth Niederer, Erich, Elia, Ruben und Orell Bergkraut, Beat Schlatter.

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Les Particules

«Du wachst am Morgen auf, und die Welt um dich herum ist nicht mehr dieselbe» - das ist das Gefühl, das den 17-jährigen Schüler P.A. (eigentlich Pierre-André) beschleicht. Er besucht das letzte Schuljahr des Gymnasiums und wohnt da, wo der CERN seinen unterirdischen Teilchenbeschleuniger betreibt, an der Schweiz-Französischen Grenze. Szenen aus dem Schulleben, Partys mit Freunden, ein Schulausflug ins CERN, ein Wochenende beim Zelten – episodenhaft reihen sie sich aneinander, P.A. nimmt kleine Veränderungen in seinem Umfeld wahr. Abnormitäten in der Landschaft, Veränderungen im Ökosystem, glühende Partikel. Die Teilchen, die ein ganzes Bilden, scheinen sich wieder aufzulösen - der Regisseur Blaise Harrison, der selbst aus dieser Gegend stammt, wollte einen Film machen zwischen Naturwissenschaft und Poesie. Es besteht ein Zusammenhang zwischen dem, was sich unterirdisch im Large Hadron Collider abspielt, und was an der Oberfläche passiert. An der Schwelle des Erwachsenwerdens werden die Partikel neu gemischt. Ein ruhiger, traumhaft anmutender Film, der einerseits fasziniert, andererseits etwas ratlos zurücklässt - aber vielleicht liegt das daran, dass diese spezielle Lebensphase bei den Zuschauern vielleicht schon eine Weile zurückliegt.


Les Particules, CH/FR 2019, 98 Min.
Regie: Blaise Harrison. Mit Thomas Daloz, Néa Lüders, Salvatore Ferro, Léo Cuillfort, Nicolas Marcant, Emma Josserand

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African Mirror

«Jammerschade eigentlich, dass die Schweiz keine Kolonien in Afrika hat» – bei einer solchen Aussage sträuben sich heute bei fast allen die Nackenhaare: in den 50er-Jahre aber nickten wohl viele, wenn der Schweizer Reiseschriftsteller, Fotograf und Filmer René Gardi von seinen Erlebnissen in Afrika schwärmte. Im Dokumentarfilm “African Mirror” kommt René Gardi mit Filmsequenzen, Artikeln, Tagebucheinträgen und Ausschnitte aus Fernsehsendungen, in denen er dem Schweizer Publikum Afrika erklärte, zu Wort. Aus Gardis Sicht war Afrika das Land der Freiheit, Afrikaner waren wahre Demokraten, denen man jedoch selbstverständlich die Gehöfte niederbrennen musste, wenn sie die koloniale Steuer nicht bezahlten. Eine Art heile Welt vor der Industrialisierung, in ihrem Ursprungszustand. Mischa Hedingers Dokumentarfilm zeigt allerdings, wie viele Szenen regelrecht inszeniert, alles Moderne bewusst ausgeblendet wurde. Durch die neue Montage von altem Filmmaterial treten wir als Zuschauende einen Schritt zurück und es wird uns bewusst, welche Wunschbilder in dieses Afrika hineinprojiziert wurden. So entsteht ein Spiegel, der unser eigenes Afrikabild reflektiert. Oder, um es mit dem kamerunischen Philosophen Achille Mbembe zu sagen: «Das, was wir ‹Afrika› nennen, ist eine Ansammlung von Wünschen, Sehnsüchten und naiven Fantasien.»

Regisseur Mischa Hedinger verbrachte selber einige Zeit in Afrika, wo er für eine NGO Imagefilme drehte, und sich der ambivalenten Rolle als weisser Filmemacher in einem ihm fremden Land bewusst wurde. Da fielen ihm die Bücher René Gardis wieder ein, die wie in vielen Haushalten auch in seinem Elternhaus zu finden waren und wohl eine ganze Generation von Schweizerinnen und Schweizern fasziniert hatten. Mischa Hedinger hat keine einzige Sequenz selber gedreht, sondern nur aus dem riesigen Nachlass Gardis einen Dokumentarfilm geschnitten, der ganz ohne Kommentar auskommt und uns so direkt mit einem – unserem – problematischen Afrikabild konfrontiert. Um trotzdem Fragen aufzufangen, die dieser Film aufwirft, legte der Regisseur einen Reader auf.

Dieses Booklet können Sie hier als PDF herunterladen.


African Mirror, CH 2019, 84 Min.
Regie: Mischa Hedinger

Trailer

African Mirror läuft zurzeit im Kellerkino Bern
  

 

 

3. Februar 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
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