Sprachvergiftung

Sie schleichen sich in Reden ein. Sie tauchen in Papieren auf. Sie sickern in elektronische Dokumente ein. Schleichend vergiften sie die Sprache. Es sind Wörter wie Entwicklung, Struktur, Fortschritt, System, Planung, Kommunikation, Projekt oder Problem. 

Gemeinsam ist diesen Wörtern: 

  • Sie bedeuten alles und nichts. Sie können für fast alles stehen. Sie sind nebulös, schwammig. 
  • Sie erwecken den Anschein, dass sie aus der exakten Wissenschaft stammen und präzis sind. Sie machen den Eindruck, dass da Experten sprechen, die genau Bescheid wissen. 
  • Sie kommen neutral daher. Dass es gute und schlechte Entscheidungen gibt, dass es Wertmassstäbe gibt, das wird vernebelt. Alles ist möglich. Man kann gar nicht anders, als ihnen zustimmen. Wer diesen Wörtern nicht glaubt, gilt als überholt und veraltet. 
  • Sie tun so, als ob Politik, Wirtschaft, ja alles Zusammenleben der Menschen wie ein Naturprozess abläuft. Wie von unsichtbarer Hand geführt. Wenn etwa die Rede ist, dass sich ein Krieg oder ein Börsenkurs «entwickle », dann wird verschleiert, dass dahinter Menschen stehen, die bewusste Entscheide treffen und Interessen durchsetzen. 
  • Sie machen die Menschen und ihr Leben unsichtbar. Arbeiten, Lieben, Leiden, Erinnern, Hoffen – all das kommt nicht vor. Orte, wo Menschen daheim sind, gibt es nicht. Das konkrete Leben wird unsichtbar gemacht. 

Wörter wie Entwicklung, Struktur, Fortschritt, System, Planung, Kommunikation, Projekt oder Problem benebeln wie Giftschwaden das Denken in Politik, Wirtschaft und auch in den Kirchen. Es sind Wörter, die keinen Widerspruch dulden, die Eigen-Interessen und Machtmissbrauch verschleiern. 

Felix Klingenbeck, Pfarreileiter in der Pfarrei St. Johannes, Münsingen. Autorenportraits

4. Oktober 2012