Peter Bernd, Pastoralraumleiter des Pastoralraums Biel-Pieterlen. Foto: Niklaus Baschung

STIMME FÜR DIE SCHWACHEN SEIN

DER NEUE PASTORALRAUMLEITER PETER BERND BEGINNT SEINE TÄTIGKEIT IN BIEL ANFANGS APRIL. ER FREUT SICH AUF DIESE SPANNENDE UND HERAUSFORDERNDE AUFGABE.

Weshalb ist Ihre Wahl auf den Pastoralraum Biel-Pieterlen gefallen?

Peter Bernd: Ich wollte in einer vollkommen anderen Art von Pastoral tätig werden, zwar wiederum in einer Pfarrei, aber städtisch geprägt. Im Gespräch mit dem Bistum kam dann Biel ins Spiel, eine spannende multikulturelle, zweisprachige Stadt, wie ich sie bei Besuchen kennengelernt habe. Diese Multikulturalität auch innerhalb der katholischen Kirche von Biel ist eine grosse Bereicherung. Spannend und herausfordernd.

Theologisch fühlen Sie sich in der Befreiungstheologie beheimatet. Wie wird sich dies konkret in ihrer Tätigkeit in Biel zeigen?

Für mich ist eine Vernetzung über das katholische Milieu hinaus sehr wichtig. In der Stadt Biel existieren sehr interessante Projekte und Organisationen. Diese Vernetzung möchte ich sichtbar machen im Innenraum Kirche. Thematisch sehe ich den befreiungstheologischen Impuls in der Verkündigung, in nicht-kultischen Gottesdiensten, dem Unterricht, der Diakonie. Ich werde versuchen, darzulegen, dass die Diakonie die Basis kirchlichen Handelns ist. Auf das Wirken von sozialen und caritativen Institutionen wie etwa die Caritas soll gezielt aufmerksam gemacht werden.

Laut Ihrem letztjährigen Weihnachtbrief steht die Kirche in der Pflicht, parteilich zu sein und sich auch politisch für schwache und arme Menschen einzusetzen. Weshalb?

Dieser Auftrag macht sich fest in der messianisch-befreienden Botschaft der Bibel. Sie zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel. Deutlich drückt dies ein Zitat des Befreiungstheologen Oscar Romero aus: «Die Kirche kann vor diesen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Ungerechtigkeiten nicht schweigen. Das ist eine Frage von Leben oder Tod für das Reich Gottes auf der Welt.» Zugespitzt kann man sagen, mit diesem Engagement, mit diesem Einspruch steht oder fällt die Relevanz der Kirche.

Die Kirche nimmt ihre Pflicht also zu wenig ernst?

Sie hat über Jahrhunderte, seit sie im 4./5. Jahrhundert zur Staatsreligion wurde, die herrschenden Systeme und die Reichen unterstützt. Da ist mir ein Wort der Theologin Dorothee Sölle wichtig: «Jeder religiöse Satz muss auch ein politischer sein.» 

Was antworten Sie jenen Mitchristen, die gerade wegen einem solchen politischen Engagement aus der Kirche austreten?

Da stelle ich eine Gegenfrage: Welche Leute sind denn in der Vergangenheit aus der Kirche ausgetreten? Das waren oft die engagiertesten und kritischsten Menschen, die praktisch ins Abseits befördert wurden. Deshalb kann es doch nicht sein, dass diese Stimmen jetzt schweigen sollen, nur damit womöglich traditionell denkende Kirchenmitglieder nicht auch noch austreten. Kirche ist keine kultisch-nostalgische Sonntagsveranstaltung. Im Übrigen: Das Engagement für die Konzernverantwortungsinitiative hat die Kirchen in der Gesellschaft durchaus positiv ins Bewusstsein gebracht.

Sie tragen während der Messe eine weisse Albe und eine Stola aus Lateinamerika, selten Messgewänder. Weshalb ist Ihnen dies wichtig?

Ich bin nur Vorsteher während der Messe. Die Sakramente werden von der Gemeinde gespendet und gefeiert. Ich stehe in der Verantwortung, die Übersetzungsarbeit zu liefern, bin verpflichtet als Theologe zu lesen, nicht nur die Bibel, und eine Verbindung herzustellen. Dies zeigt sich auch durch die einfache Symbolik in der Kleidung. Meine Kleidung drückt eine Rolle aus und hat nichts Magisches. Messgewänder hingegen können auch Zeichen der Hierarchie sein.

Ist Ihre Kleidung ein Statement gegen solche Insignien?

Indirekt schon. Selbst die Stola kann, kritisch bemerkt, noch ein Amtszeichen sein. Doch klar ist: Kirche muss einholen, was theologisch schon längst erarbeitet ist. Dass nämlich Kirche die Vision einer Gemeinschaft von Menschen ist, die sich egalitär zusammenschliessen und dann in solidarischer Praxis handeln. Wenn wir dies als Grundlage von Kirche verstehen, dann müssen wir uns fragen, was dies für Aufbau und Leben der Kirche bedeutet. Eine Zweiklassengesellschaft jedenfalls ist theologisch nicht begründbar.

Wie möchten Sie Ihren Einstieg in Ihre neue Aufgabe in Biel gestalten? Haben Sie bereits konkrete Ziele?

Ich freue mich, dass ich im ersten Monat Französisch lernen darf. Dann möchte ich im April vernetzend unterwegs sein. Innerhalb des Pastoralraumes möchte ich mit den verschiedenen Gruppen, etwa den Musikern und Musikerinnen, und Gremien ins Gespräch kommen. 

Die Sicherheitsmassnahmen wegen der Corona-Pandemie haben die kirchlichen Aktivitäten stark eingeschränkt. Was können wir trotzdem tun?

Die Kirche sollte sich weiterhin kritisch einbringen, etwa bei der Frage: Was ist systemrelevant? Geht es dabei vor allem um das Funktionieren von Wirtschaft und Geldflüssen? Denn Kultur ist auch systemrelevant, ebenso die Sozialarbeit. Oder ganz anders: Kirche und Kultur sind in der Verantwortung, die Systeme in Frage zu stellen, die Ausschluss reproduzieren.

Wie können die Kirchenmitglieder Sie bei Ihrem Einstand in Biel unterstützen?

Mir hilft am meisten, wenn die Kirchenmitglieder selber den Raum Kirche besetzen, vereinnahmen. Mit Raum meine ich sowohl die Infrastruktur, aber auch die Praxis von Menschen. Dies erst begründet Kirche. Wer etwas in den Kirchenräumen machen will, der soll freien Zugang haben und mitbestimmen.

Interview: Niklaus Baschung

29. März 2021
erstellt von angelus
  • Pfarrblatt / Angelus