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Pater Antonio Grasso hat Mühe mit dem Begriff «Mission», nicht aber mit der Definition davon. Foto: Pia Neuenschwander

Stimmt «Mission» noch?

Der Leiter der «Katholischen Mission der Italienischsprechenden in Bern», Pater Antonio Grasso, denkt über die Definition «Mission» als Bezeichnung für die italienische Gemeinschaft in Bern nach. Stimmt sie noch? Macht sie noch Sinn? Was steht im Vordergrund, was sind die Stolpersteine?


Unsere Gemeinschaften sind als «Italienische Katholische Missionen» bekannt. Mit der Zeit haben wir uns die Bezeichnung «Katholische Missionen Italienischsprechender» angewöhnt. Wir wollen damit betonen, dass wir keine nationale – italienische – Gemeinschaft sind, sondern eine Gemeinschaft Gläubiger unterschiedlicher Nationen, die in italienischer Sprache beten.

Es geht dabei nicht um linguistische Spitzfindigkeiten, sondern um eine auf Inklusion abzielende Sprache, welche die Entwicklungsdynamiken der Gemeinschaft berücksichtigt und ein Gefühl der Zugehörigkeit erzeugen möchte, wobei die Einheit nicht auf Basis der Nationalität begründet wird, sondern auf dem gemeinsamen Glauben an Jesus, dem in italienischer Sprache Ausdruck verliehen wird.
Die Sprache wird so zu einem Kommunikationsmittel und nicht zum Symbol einer bestimmten Kultur. Das Konzept von Kultur umfasst nämlich weit mehr als die Sprache.

Kommen wir nun aber zur Kernfrage: Macht unsere Definition als «Mission» noch Sinn? Dieser Begriff entstammt der lateinischen Bezeichnung «Missio cum cura animarum» (Mission mit Seelsorge) aus der Apostolischen Konstitution «Exsul Familia» des Jahres 1952, bei der es eben um diese Seelsorge für Migrantinnen und Migranten geht. Das Konzept «Mission» hob die Betreuung von Migranten seitens der Ursprungskirche hervor und betrachtete deren Situation als Übergangsphase auf ihrem Lebensweg.

Heute, nahezu 70 Jahre später, haben wir verstanden, dass die Auswanderung ein strukturelles Phänomen unserer Gesellschaft ist und dass nach Abschluss der physischen Migrationsbewegung nicht gleichzeitig auch der psychologische, kulturelle und religiöse Migrationsprozess vollendet ist. Uns ist klar geworden, dass unsere «Missionen» nach und nach zu einem Zuhause für alle, d.h. nicht nur für Migranten, geworden sind. Ausserdem haben wir ein Bewusstsein dafür entwickelt, dass die Migranten jener Kirche angehören, in der sie leben, und nicht jener, von der sie kommen.

Demnach ist es auch der Diözesanbischof, der sich um sie kümmern und adäquate Einrichtungen und Mitarbeiter für ihre Betreuung bereitstellen muss. Nicht zuletzt hört sich der Begriff «Missione» in den Ohren unserer Freunde aus der Deutschschweiz nicht wirklich gut an, da sie ihn mit «Missionieren» in Verbindung bringen. Ab und zu bekomme ich zu hören: «Pater Antonio: Welchen Sinn hat eine Mission für die Italiener?» Mit dieser Frage ist gemeint: «Muss man die Italiener in der Schweiz bekehren?».

In mancher Hinsicht ja – betrachtet man das immer weiter um sich greifende spirituelle Vakuum –, in anderer Hinsicht wieder nicht, wenn man davon ausgeht, dass man unter diesem Ausdruck normalerweise versteht, dass die Kirche jenen Personen das Evangelium verkündet, die es nicht kennen. Wir sollten allerdings nicht vergessen, dass die Kirche schon seit geraumer Zeit von der Notwendigkeit einer «neuen Evangelisation» unter den Getauften spricht, weil wir uns zwar Christen nennen, aber nicht wie Christen leben.

Der Begriff «Mission» benachteiligt uns meiner Ansicht nach, da wir dabei als von der «Norm», d.h. von den lokalen Pfarreien abweichender Fremdkörper betrachtet werden. In der Praxis gibt es, einmal abgesehen von der Sprache, keinen Unterschied zwischen uns und einer örtlichen Pfarrei. Warum streichen wir diese Bezeichnung also nicht einfach und nennen uns zum Beispiel «Glaubensgemeinschaft italienischer Sprache»? Sind wir das nicht auch ebenso wie alle anderen Gemeinschaften? Denken wir also darüber nach und tauschen wir unsere Ansichten diesbezüglich aus. Wer weiss, ob aus der praktischen Anwendung nicht auch allmählich eine offizielle Anerkennung entsteht!

Pater Antonio Grasso

Den italienischen Originaltext lesen Sie hier: Ha ancora senso definirci «Missione»?

Italienischsprachige Mission


Lesen Sie auch ein Interview mit Pater Antonio zur aktuellen Lage der Eritreer und über das Thema Gottesdienste: «Pfarreien und katholische Missionen feiern Liturgie».

 

 

 

 

 

18. April 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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