Hans Küng (1928-2021) fotografiert 2013 bei seinem Haus in Sursee LU. Bild: Oliver Ruether, Keystone

Theologe Hans Küng gestorben

Er galt als Kirchenkritiker, in gewissen Kreisen gar als Ketzer oder wenigstens als Gegenspieler der Päpste: Hans Küng, Priester, Theologieprofessor und Gründer der Stiftung Weltethos. Am 6. April ist er 93 Jahre alt in Tübingen gestorben.

Von Andreas Krummenacher

«Ich hasse es, ständig als Kirchen- oder Papstkritiker tituliert zu werden», sagte Küng und wollte vor allem als Mahner gelten.

Hans Küng hat der römisch-katholischen Kirche, deren Lehramt und auch der Politik den Finger in die Wunden gelegt, er hat hinterfragt und angezweifelt. Kritiker warfen ihm vor, er sei eitel und habe 40 Jahre lang in Variationen das immer Gleiche geschrieben. Hans Küng, soviel ist sicher, hat gestört.

Jeder Glaube braucht den Zweifel. Er ist ein kluges Korrektiv. Zweifel sind Schutzschild gegen den Fanatismus, Heilmittel gegen aggressive Engstirnigkeit.

Unfehlbarkeit in Frage gestellt

Hans Küng wurde schlagartig berühmt, als er das Dogma der Unfehlbarkeit des Papstes in Glaubens- und Sittenfragen bezweifelte. 1979 entzog ihm der damalige Papst Johannes Paul II die kirchliche Lehrerlaubnis. Später sagte er dazu, er brauche keine «römische Fahrerlaubnis», sei er doch seit langem als katholischer Theologe anerkannt.

Seine Bücher erreichten in der Folge Millionenauflagen, er selbst wurde mit zahlreichen Preisen, Ehrendoktorwürden und 2003 dem «Grossen Bundesverdienstkreuz mit Stern» ausgezeichnet.

Eine klassische Karriere

Geboren wurde er 1928 in Sursee (LU). Nach der Matur in Luzern studierte er an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und später in Paris Philosophie und Theologie. 1954 wurde Hans Küng zum Priester geweiht. Von 1957 bis 1959 war er an der Hofkirche in Luzern praktischer Seelsorger. 1960 wurde er an die Universität Tübingen berufen, wo er bis zu seiner Emeritierung 1996 tätig war.

Weltethos

«Ohne Religionsfrieden keinen Weltfrieden», ein Leitsatz Hans Küngs. Seine Weltethos-Idee sah er als «ethisches Koordinatenkreuz». Der Luzerner suchte nach gemeinsamen Moralvorstellungen aller Menschen. Als Quintessenz des Religiösen formulierte er die goldene Regel «Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu».

2013 trat er von all seinen Ämtern zurück. Hans Küng litt unter anderem an Parkinson. Bei seiner Abschiedsrede sagte der Theologe, das Streben nach einer gemeinsamen Ethik dürfe niemals nachlassen. Es gebe, so Küng, «kein Überleben unseres Globus in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit ohne ein globales Ethos, ein Weltethos.»


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Die Chancen sind unbeschränkt

Der Theologe Hans Küng sieht neue Hoffnung für die Ökumene. Interview aus dem «pfarrblatt» Nr. 16, 13. April 2013

Interview: Wolf Südbeck­-Baur*

«pfarrblatt»: Mit dem letzten Papst Benedikt XVI. standen die ökumenischen Beziehungen unter einem schlechten Stern. Wie ist es derzeit allgemein um die Ökumene bestellt?

Hans Küng: Ich hoffe, dass wir am Ende eines ökumenischen Winters stehen. Mit dem neuen Pontifikat zeichnen sich bereits einige Früh lingslüfte ab. Mit Papst Franziskus ist die Öku­mene mit neuen Hoffnungen erfüllt, weil er bereits einige Pflöcke eingeschlagen hat, wie das unter seinem Vorgänger Benedikt XVI. nicht der Fall war.

Noch im Dezember 2012 hatte der Schweizer Kardinal Kurt Koch – er ist Chef des päpstlichen Rates für die Einheit der Kirchen – gefordert, die «volle, sichtbare Einheit» müsse das Ziel des ökumenischen Gesprächs zwischen Katholiken und Protestanten sein. Was muss Ihrer Meinung nach das Ziel des ökumenischen Gesprächs sein?

Die volle, sichtbare Einheit meint im Sprachge­ brauch der römischen Kurie, dass die Christen­heit die Einheit nur findet, wenn auch die ande­ren Kirchen das Papsttum als solches anerkennen. Das war das Programm von Bene­dikt XVI. Diese Rückkehrstrategie ist geschei­tert. Die evangelischen Kirchen hat er zurück gestossen durch seine Erklärung, dass sie überhaupt keine Kirchen seien. Mit den Ortho­doxen, mit denen Papst Ratzinger ein besonde­res Arrangement erreichen wollte, kam es auch zu keiner weiteren ökumenischen Annäherung, und anstatt sich um die Christkatholiken zu kümmern, hat er sich um die Piusbrüder bemüht. Ich kann mir vorstellen, dass ein so klu­ger Kopf wie Kurt Koch dies eingesehen hat und nun die Chance ergreift, um wieder auf die Intentionen des Zweiten Vatikanischen Konzils zurückzukommen. Das Konzil wollte und will die Erneuerung der Kirche vorantreiben, um zu neuen ökumenischen Perspektiven zu kom­men.

Gottfried Locher, Präsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds, hat zur Konzentration auf die interne Ökumene der reformierten Kirchen in der Schweiz aufgerufen. Hat diese Abschottungsstrategie eine Zukunft?

Ich kann mir gut vorstellen, dass sich Gottfried Locher, der eine eigene klare Sicht hat, durch die neue Situation orientieren lässt. Es reicht nicht aus, sich auf die interne Ökumene zu kon zentrieren, übrigens eine Strategie, zu der man sehr oft aus Verzweiflung über die Unbeweg­lichkeit des römischen Zentrums geradezu genötigt wurde. Eine Abschottungsstrategie hat jedenfalls keine Zukunft. Wir müssen unbe dingt dazu kommen, dass wir wieder gemein­sam Tritt fassen können. Dies gilt sowohl im Blick auf die Gläubigen, die sich kritisch von beiden Kirchen abgewendet haben, als auch im Blick auf die Welt, wo beide Kirchen Einfluss verloren haben. Katholische und evangelische Kirche haben allen Grund, zusammenzustehen und gemeinsam in die Zukunft zu gehen.

Bereits eine Woche nach seiner Wahl hat Papst Franziskus bei einem Empfang der Repräsentanten der anderen Kirchen erklärt, er wolle die Ökumene unter den Christen und «die Freundschaft und den Respekt» unter den Religionen fördern. Welche Chancen sehen Sie zur Verbesserung des ökumenischen Klimas, die sich mit dem neuen Papst Franziskus nun zu eröffnen scheinen?

Die Chancen sind unbeschränkt. Das ökumeni­sche Klima ist durch den sehr geglückten Beginn des von der Macht­ und Prachtkirche Abstand nehmenden Bischofs von Rom jetzt schon gefördert worden. So hob Franziskus ganz anders als sein Vorgänger Joseph Ratzinger nicht den Jurisdiktionsprimat des Papstes hervor, sondern setzte deutlich bescheidenere Zeichen und verzichtete auf eine edelsteinbe­setzte Mitra und rote Papstschuhe. Damit zeigt der Bischof von Rom, dass es ihm auf das Evan­gelium ankommt. Es hängt davon ab, was er verwirklichen kann und wie gut er beraten wird. Er weiss, dass Millionen Katholiken abgewandert sind, weil vielerorts das Gemeindeleben am Boden liegt, die Leute aber einen lebendi­gen Kontakt haben wollen untereinander, zur Welt, zur Stadt und zu den Stadtvierteln, in denen sie leben, und sie wollen eine lebendige Liturgie. All diese Erfahrungen bringt der argentinische Papst mit, und er wird sie einbringen. Zweitens hat Franziskus Erfahrungen im deutschen Sprachraum gesammelt und weiss daher, dass wir die trennenden, kirchenspalten­den Erfahrungen des 16. Jahrhunderts endlich hinter uns lassen und gemeinsam die Kirche gestalten wollen.

Welche Reformen kann Franziskus konkret auf den Weg bringen, um katholische und protestantische Kirchen einander näher zu bringen?

Sicher schwebt dem Papst keine Einheitskirche vor, sondern eine Kirche in versöhnter Verschie­denheit. Es ist nicht notwendig, dass wir alle Elemente der orthodoxen Kirchenlehre in eine Einheitskirche einbringen. Sehr wohl aber müssen alle Exkommunikationen auf Ortskirchene­bene aufgehoben werden. Das ist im Blick auf die Ökumene das Wichtigste.

Sehen Sie Möglichkeiten, dass evangelische und katholische Christen gemeinsam Gottesdienst feiern?

Es wäre nötig, nun zu realisieren, was in vielen ökumenischen Konsensdokumenten bereits beschrieben wurde: die vollgültige Anerkennung der Ämter der evangelischen, orthodoxen und anglikanischen Kirchen durch die katholische Kirche. Auf diese Weise wird eine Abendmahlsgemeinschaft möglich. Wenn die­se Einigungsdokumente endlich in die Praxis umgesetzt würden, wären wir einen grossen Schritt weiter in der Ökumene. Dabei ist es nicht nötig, dass sich auf der Stufe der kirchli­chen Hierarchien alles umarmt, aber auf Ortse­bene muss es möglich werden, dass sich die Menschen umarmen können.

Mit dem Pontifikat von Franziskus sehen Sie tatsächlich Chancen für eine solche ökumenische Zukunft?

Man muss vorsichtig bleiben, denn auch Papst Franziskus kann die Chancen wie sein Vorgän­ger vertun. Joseph Ratzinger hat als Tübinger Professor viele Dinge vertreten, die er als Papst vergessen hat. So ist es immer möglich, dass jemand als Papst nicht weitergehen möchte und sich ernsthaften Reformen widersetzt. Wenn sich Franziskus nach dem Evangelium richtet und sich ständig fragt, was würde Jesus in meiner Situation tun, dann denke ich, besteht berechtigte Hoffnung auf ökumenische Fort­schritte, auf dass die Christenheit mehr zusam­menwächst.

*Wolf Südbeck-­Baur ist Redaktor bei der Zeitschrift «aufbruch»

 

 

 

 

7. April 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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