Imam Azir Aziri der IKRE-Moschee in Thun lädt zum gegenseitigen Kennenlernen ein. Foto: zVg

Thuner Imam zum Verhüllungsverbot

In einer Medienmitteilung vom 11. Februar spricht sich der Imam der IKRE-Moschee in Thun gegen die Initiative zum Verhüllungsverbot aus. Azir Aziri ist regelmässigen «pfarrblatt»-Leser:innen durch das erste gemeinsame Friedensgebet in Thun oder zahlreiche Veröffentlichungen zum interreligiösen Verständnis und gegen den Terrorismus bekannt.

Von Andreas Krummenacher

Für Azir Aziri ist die Burka oder der Nikab in Schweiz kaum ein Problem. Er lehnt die Initiative zum Verhüllungsverbot aus grundsätzlichen Überlegungen ab. Er sieht die religiöse Gleichbehandlung und den religiösen Frieden durch die Initiative gefährdet. Im Islam, so der Imam, sei die muslimische Frau verpflichtet ihren Körper mit Ausnahme von Gesicht und Händen zu bedecken. Der entscheidende Punkt dabei, es stehe ihr frei, dies zu tun oder nicht.

Weiter betont Azir Aziri die Trennung von Kirche und Staat in der Schweiz. Die Initiative sei hier ein unzulässiger Eingriff. Die Muslime in der Schweiz «wollen alles dazu beitragen, dass die muslimische Gemeinschaft sich voll in die Gesellschaft integrieren kann», so der Imam. Azir Aziri lädt darum zum gegenseitigen Kennenlernen ein.

Die IKRE-Moschee pflegt zusammen mit den Thuner Pfarreien einen engen interreligiösen Dialog. Massgeblich verantwortlich dafür ist Hans H. Weber. Er ist zusammen mit dem Imam Projektleiter des «Forums zur Förderung des christlichen-muslimischen Dialogs». Die Medienmitteilung ist denn auch von Imam Azir Aziri und von Hans H. Weber unterzeichnet.

Es ist dies die erste öffentliche Stellungnahme des Imans ausserhalb der muslimischen Gemeinschaften. Wir dokumentieren in diese Mitteilung hier im Orignal:


Imam Azir Aziri:
«Im Islam ist die muslimische Frau verpflichtet ihren Körper mit Ausnahme von Gesicht und Händen zu bedecken. Wobei es ihr frei steht dies zu tun oder nicht zu tun. Dies ist die Position des Islam bezüglich der Körperbedeckung der muslimischen Frau. Diese Weisung gilt in der gesamten islamischen Welt und bezieht sich auf die authentischen Quellen im Koran und der Suna des Propheten Muhammed (der Friede und der Segen Gottes sei auf ihm).

Wir leben in der Schweiz, einem Land in dem Religion und Staat getrennt sind und deswegen darf sich die Politik die Religion nicht zu ihrem Vorteil missbrauchen.

Ich sehe die Initiative, die Burka zu verbieten, als ein Manöver einiger Andersdenkenden um sich Gehör zu verschaffen, indem sie den Islam als Unterdrücker der Frauen stigmatisieren. Meiner Meinung nach ist dies ein grundlegender Verstoss gegen die Menschenrechte und der durch die Schweizer-Bundes-Verfassung garantierten religiösen Rechte und die Glaubensfreiheit.

Zur Volksabstimmung zum Vermummungsverbot muss man ebenfalls berücksichtigen, dass in Moscheen Statistiken darüber erstellt worden sind, wie viele Frauen und Mädchen die die Moscheen in der Schweiz besuchen, eine Burka tragen. Das Ergebnis zeigt, dass in der Schweiz weniger als 40 Frauen den sogenannten Niqab tragen, die überwiegende Mehrheit davon sind zum Islam konvertierte Schweizerinnen sind.

Es zeigen sich jedoch auch entgegengesetzte Fälle, in denen muslimische Mädchen und Frauen sich darüber beschweren, dass ihre Ehemänner oder Väter ihnen das Tragen des Hijab (Kopftuch), oder in einigen Fällen das Tragen des Niqab, verbieten.

Ausserdem müssen wir uns als in der Schweiz lebende Mitbürger mit den realen gemeinsamen Problemen ernsthaft befassen, die innerhalb des Zusammenlebens in unserer Gesellschaft existieren. Beispielsweise die Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen (Diskriminierung der Frauen), der häuslichen Gewalt gegen Frauen, Rentenungleichheit, aber die Gewaltexzesse in der rechten und linken Szene müssen bewältigt werden.

In diesem Text möchte ich auch die religiöse Gerechtigkeit betonen. In der Schweiz sind Religion und Staat getrennt. Darum gibt es in Thun eine ausgezeichnete Zusammenarbeit mit den Behörden, den christlichen Kirchen, den jüdischen Gemeinden und den sozialen Institutionen. Wir Muslime wollen alles dazu beitragen, dass die muslimische Gemeinschaft sich voll in die Gesellschaft integrieren kann. Natürlich unter der Berücksichtigung gleicher Rechte und Pflichten zu Gunsten unseres Schweizer Staatswesens. Damit Gerechtigkeit und der religiöse Frieden zur vollen Zufriedenheit aller unserer Mitmenschen noch stärker erfüllt werden kann.

Obwohl Muslime gemäss statistischen Angaben sehr gut integriert sind und gut mit Menschen anderer Religionen zusammenleben, besteht immer noch ein grosser Bedarf an einer neutralen und kompetenten Aufklärung über das Wesen des Islam.

Jede Person und jede Institution, Schulen und Interessierte Mitmenschen sind herzlich eingeladen uns in unserer IKRE-Moschee in Thun zu besuchen. Dort erfahren sie authentische und kompetente Informationen über unser Zusammenleben.»

Der Verfasser Imam Azir Aziri der IKRE-Moschee in Thun
Hans H. Weber, christlicher Delegierter des IKRE Vorstandes in Thun

12. Februar 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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