Tilo Frey, FDP-Nationalrätin, am Rednerpult im Bundeshaus in Bern, Dezember 1973. Foto: KEYSTONE/Str

Tilo Frey wird plötzlich Vorbild

Im Gegensatz zu ihren Kolleginnen im Nationalratssaal ist die Neuenburgerin Tilo Frey praktisch in Vergessenheit geraten. Sie gehörte zu den ersten zehn Frauen, die 1971 nach Einführung des Frauenstimmrechts gewählt wurden, und die erste mit dunkler Hautfarbe. Mit der Bewegung «Black Lives Matter» kommt auch die Erinnerung an sie hoch.

Hannah Einhaus

Tilo Frey (1923–2008) wuchs als Tochter einer Kamerunerin und eines Schweizers in Neuenburg auf. Mit ihrer dunklen Hautfarbe fiel sie seit ihrer Kindheit auf, liess sich jedoch nicht von ihrer Karriere als Lehrerin und Schuldirektorin abbringen. Da der Kanton Neuenburg das aktive und passive Stimm- und Wahlrecht für Frauen bereits seit Ende der 1960er Jahr kannte, gelang der FDP-Politikerin 1969 die Wahl ins Neuenburger Kantonsparlament.

Der Sprung in den Nationalrat folgte 1971 auf Anhieb, nach vier Jahren gab sie das Mandat jedoch bereits ab. War diese kurze Amtszeit der Grund, dass Tilo Frey bald in Vergessenheit geraten ist? Oder durfte es im Schweizer Geschichtsbild einfach keine nichtweisse Person geben?

In der Stadt Neuenburg hat eine Umschreibung der Geschichte inzwischen stattgefunden: Vergangenes Jahr wurde der zentrale Platz zwischen den Universitätsgebäuden nach Tilo Frey umbenannt. Zuvor war der Platz ausgerechnet dem Schweizer Naturforscher Louis Agassiz gewidmet, der im 19. Jahrhundert eine Rangordnung der Rassen aufgestellt und in der Schweiz die Apartheid gefordert hatte.

Strukturelle Diskriminierung

Im Rahmen der aktuellen antirassistischen Demonstrationen «Black Lives Matter» ist diese Diskussion nicht nur in den USA, sondern auch in der Schweiz wieder aufgepoppt. So bilden fünf Personen im Berner Stadtparlament bereits eine «Tilo-Frey-Gruppe». Sie haben kürzlich einen Vorstoss eingereicht, in dem sie Auskunft über die Massnahmen gegen das Racial Profiling bei der Kantonspolizei verlangen.

Das Beispiel zeigt, dass Rassismus auch strukturell bedingt ist. Diese Form von Diskriminierung steht in der ganzen «Black Lives Matter»-Bewegung zunehmend im Vordergrund. Die Benachteiligung betreffe beispielsweise auch die Jobsuche, sagten kürzlich zwei der Interpellanten und berichteten im Juni gegenüber der Tageszeitung «Bund» von eigenen Benachteiligungen bei der Wohnungs- oder Stellensuche; dasselbe gilt für manche Gesetze und im Gesundheitswesen.

Rassismus sitzt tief

Das alles ist kein Zufall. Dieser Ansicht sind die Medienforscherin Yuvviki Dioh und die Soziologin Rahel El-Maawi, die sich beide in Zürcher Netzwerken schwarzer und farbiger Frauen engagieren.

Sie zeichneten im Juli in einem «Sonntagsblick»-Interview ein Bild der schwarzen Frauen in der Schweizer Gesellschaft. «Es ist, als wären wir überhaupt nicht da», so Dioh, «und wenn wir wahrgenommen werden, dann als die ‹anderen› – und dies seit Generationen.» Laut El-Maawi würden den schwarzen Kindern Vorbilder fehlen.

Damit meint sie nicht nur dunkelhäutige Persönlichkeiten gemeint, sondern auch Spielzeug, Bilderbücher oder Unterrichtsmaterial. Angesprochen auf Tilo Frey antwortet Dioh im «Sonntagsblick»: «Ich habe keine Erinnerung daran, dass ich in der Schule oder sonst irgendwo etwas über sie gelernt hätte.»

Punkto Rassismus trage die Schweiz Scheuklappen, so El-Maawi. Die Schweiz sei entgegen vorherrschender Meinung am Kolonialismus und Sklavenhandel beteiligt gewesen, dunkelhäutige Persönlichkeiten wie Tilo Frey hingegen würden aus dem Gedächtnis der schweizerischen Geschichtsschreibung gestrichen.

«Man will das Idealbild der weissen Schweiz unbedingt aufrechterhalten. Die anderen Menschen sind nur temporär da.» Im Rahmen der Debatte um «Black Lives Matter» stellt sich kurzerhand die Frage, wie man den eigenen Vorurteilen begegnen soll. Rassismus sei nicht oder nicht nur eine individuelle Charaktereigenschaft, sondern eine gesellschaftliche Struktur, so Dioh. Gemeint sind tiefsitzende Vorurteile und seit Jahrhunderten geprägte Zuschreibungen.

Frey beispielsweise wurde oft auf Fragen der Hautfarbe reduziert. Für sie selbst standen Themen wie die Lohngleichheit, die Entkriminalisierung der Abtreibung sowie eine verstärkte Entwicklungszusammenarbeit im Vordergrund.

Mit dem Tilo Frey-Platz in Neuenburg ist der erstmals ein Platz nach einer nicht-weissen Person benannt. Verschiedene aktuelle Debatten im Rahmen von «Black Lives Matter» zeigen, dass ihre Persönlichkeit allmählich wieder ins kollektive Gedächtnis der Schweiz rückt.

28. Juli 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
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