Der Umgang mit Tod und Trauer bei Kindern und Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung sind noch wenig erforscht. Foto: ReeldealHD images fotolia

Trauerrituale gestalten, wenn die Sprache fehlt

Auch Kinder und Jugendliche mit einer Behinderung erfahren Tod, trauern um einen lieben Menschen. Doch was genau verstehen sie davon? Und wie ist es mit Kindern und Jugendlichen, die mehrfach schwerstbehindert sind und keine verbale Sprache haben? Ein kleiner Einblick in die Arbeit des Heilpädagogischen Religionsunterrichtes.


Das Thema «Tod und Sterben» ist für alle ein wichtiges Thema, wenn auch ein schwieriges. Innerhalb des Religionsunterrichtes wird dieses Thema meistens in der Zeit um Ostern behandelt, aber wir wissen alle, dass wir jederzeit mit Tod und Sterben konfrontiert werden können. Nicht selten prägt der Verlust von Haustieren bei Jugendlichen die ersten Erfahrungen.

Somit sollten wir als Katechetinnen und Katecheten immer auch bereit sein, mit diesem Thema religionspädagogisch umzugehen. Eine Voraussetzung, um dies zu können, ist einerseits das Wissen um theoretische Erkenntnisse zu diesem Thema; anderseits ist auch die persönliche Auseinandersetzung mit diesem Thema wichtig. Das eigene Bangen kennen, und auch die eigenen Hoffnungen. Und dies ist umso wichtiger, je «schwächer» die Kinder und Jugendlichen sind.

Aus der entwicklungspsychologischen, religionspädagogischen und heilpädagogischen Literatur ist bekannt, wie die Vorstellung von Tod und Sterben bei Kindern sich entwickelt. Ein reifes Todeskonzept zu haben bedeutet, dass folgende Komponenten erkannt werden:
• Alle Menschen müssen sterben (Universalität)
• Es sind keine Körperfunktionen mehr vorhanden (Non-Funktionalität)
• Vorstellungen von Todesursachen werden erkannt (Kausalität)
• Der verstorbene Mensch/das verstorbene Haustier kommt nach dem Tod nicht mehr zurück (Irreversibilität)

Diese verschiedenen Komponenten entwickeln sich mit dem Alter des Kindes. Zudem ist das Todeskonzept abhängig von intellektuellen Fähigkeiten und von den Erfahrungen, die die Kinder selber machen. Schliesslich sind auch religiöse und kulturelle Einflüsse wichtig. Dieses Thema ist bei Kindern und Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung noch wenig erforscht. Es ist aber bekannt, dass auch sie ein reifes Todeskonzept erreichen können.
Sowohl die Forschung als auch meine Erfahrung zeigen, dass es in diesem Fall nicht genügt, «nur zu reden», sondern es braucht konkrete Handlungen, um einen Todesfall verarbeiten zu können. Und dies gilt für Kinder ohne Behinderung wie auch für Kinder mit leichter kognitiver Einschränkung.
Mehrfach schwerstbehinderte Kinder und Jugendliche können sich verbal nicht ausdrücken, sie haben aber auch ihre Eindrücke. Sie nehmen wahr, wenn sich die Gruppenkonstellation verändert. Deshalb ist es auch bei ihnen wichtig, Abschiede allgemein und im Speziellen auch Trauer-Rituale zu gestalten.

Ich stelle nun «mein Raster» vor, sozusagen mein Grundmodell. Was und wie genau dann die Feier abläuft, ist offen. Meine Vorbereitungen, meine Texte sind immer nur «Stützen»; viel wichtiger ist meine Präsenz im Moment. Das heisst, dass ich jederzeit flexibel reagieren muss.

Zuerst achte ich darauf, dass der Raum, in dem das Ritual stattfinden wird, eine ästhetisch schöne Mitte hat, mit Tüchern, langen Efeu-Ranken, einer Heimosterkerze, kleinen Teelichtern und einem oder mehreren Bildern des Verstorbenen.
Musik zum Beginnen ermöglicht das Ankommen und Zur-Ruhe-Kommen.
Nach einer Begrüssung entzünde ich, mit wenigen kurzen Sätzen über die Bedeutung dieser Kerze, die neue Heimosterkerze an.
Nach dem Erwähnen des Grundes für diese Feier «vergegenwärtige» ich die verstorbene Person, indem ich beginne, etwas von ihr zu erzählen. Dabei schauen wir das Foto an.
Die Betreuungspersonen sind dann eingeladen, das Gleiche zu tun, stellvertretend für die Betreuten (aus dem Alltag mit ihnen verfügen sie über Informationen).
Nach jeder Aussage oder auch Stille (!) wird zusammen mit dem Betreuten ein Teelicht angezündet, wobei wir das Licht von der Heimosterkerze nehmen.
Nach einer kurzen Stille, oder einem Lieblingsmusikstück des Verstorbenen spreche ich ein Dank- und Hoffnungsgebet.
Häufig schliesse ich dem Gebet wieder Musik an, ein Lied. Danach beten wir gemeinsam das Vaterunser. Schluss des Rituals ist ein Segensgebet – je nach Situation gehe ich zu jedem Betreuten und berühre ihn oder sie.
Ziel eines solchen Rituals ist es, die Emotionen der Betreuten aufzufangen und ein Gefühl von hoffnungsvollem «Getragen-Sein» und «Aufgehoben-Sein» entstehen zu lassen.

Fernanda Vitello


Heilpädagogischer Religionsunterricht

25. Oktober 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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