Foto mit dem «Goldenen Trump». Aufnahme aus dem CPAC-Veranstaltungshotel Hyatt Regency in Orlando, Florida. Foto: Keystone, Stepen M. Dowell

Trump und das Goldene Kalb

Wir haben unsere Sehnsucht nach Sicherheit in Goldene Kälber gegossen. Und nicht alle sind so eindeutig als solche erkennbar wie jenes in Form einer goldenen Statue von Ex-Präsident Trump, schreibt Sebastian Schafer in seinem Meinungsbeitrag.

von Sebastian Schafer

Am 27. Februar fand in den USA die «Conservative Political Action Conference» statt. Die sogenannte CPAC ist ein jährliches Treffen aller namhaften konservativen Kräfte der USA – von der Waffenlobby über evangelikale Konservative bis hin zur Republikanischen Partei.

Am Eingang der Konferenzräume stand, gestaltet von einem US-amerikanischen Künstler, nichts weniger als eine goldene Statue von Ex-Präsident Donald Trump. Ich konnte nicht umhin, laut herauszulachen. Konservative Christen, die den drohenden Niedergang der christlichen Kultur beschwören und sich darum um die goldene Statue eines millionenschweren Politikers scharen: Besser kann man sich die Aktualisierung der Geschichte vom Goldenen Kalb nicht ausdenken.

Der Wunsch nach etwas «Greifbarem»

Die vierzigtägige Fastenzeit verweist – neben dem vierzigtägigen Fasten Jesu in der Wüste natürlich – unter anderem auf die vierzig Tage, die Moses auf dem Berg Sinai verbracht hat. Während Moses weg ist, verliert das Volk den Glauben. Gott wird ihnen zu abstrakt, der Glaube zu anstrengend, nicht greifbar. Sie wollen etwas Einfaches, das Halt gibt, das die rechte Ordnung garantiert. Sie wollen etwas anbeten können, das sie auch sehen, keine leeren Versprechungen und Vertröstungen, keine Ungewissheit mehr, kein Zweifeln, ob denn nach dieser Zeit des Wartens denn auch wirklich alles gut kommt. Sie wollen Populismus, religiösen zwar, aber dennoch Populismus, und sie bekommen ihn von Aaron in Form des Götzen aus Gold.

Ungewissheit und Zweifel

Sehen Sie Parallelen zu unserer Situation heute? Die Ungewissheit, der Zweifel, die Veränderungen, die uns bedrohen, die lange Zeit des Immer-ein-wenig-schlechter-Werdens? Ich muss nicht unbedingt auf die Pandemie verweisen – es hat uns doch schon vorher begleitet, dieses Gefühl der Unsicherheit: Was wird mit unserer AHV? Was wird aus unserem Klima? Was haben die Jugendlichen eigentlich, dass sie immer aufgebrachter werden? Wieso wird alles, was früher gut und normal war, auf einmal hinterfragt? Und wieso kann nicht einfach alles bleiben, wie es ist?

Diese Fragen begleiten uns diese Fastenzeit besonders. Das Aussteigen aus dem Trott, das Runterfahren, Zu-Sich-Kommen, das wir traditionellerweise mit der Fastenzeit in Verbindung bringen, ist zwar aufgrund der Pandemie fast zur Gewohnheit geworden. Aber die Ungewissheit hat sich deshalb nicht gelegt, im Gegenteil. Der Widerstand gegen die Pandemiemassnahmen, die Verschwörungstheorien und Demagog*innen, welche zunehmend an Boden gewinnen, sind dafür nur ein Beispiel. Die Konfrontation mit neuen Ideen, neuen Entwürfen einer Gesellschaft, welche althergebrachte Normalzustände hinterfragen, ist oft schwer zu verdauen.

Die alten Rezepte

Wie leicht ist es, sich in solchen Fällen dem Einfachen, dem Normalen anzuvertrauen, das ein für alle Mal Schluss macht mit all den seltsamen Verirrungen unserer Gesellschaft. Verstehen Sie mich nicht falsch – ich will keinesfalls Position gegen radikale Veränderung beziehen. Wir brauchen immer visionäre Ideen. Jede Veränderung wird immer als zu radikal verschrien von denen, die ihre Privilegien davon bedroht sehen, das war im Fall Jesu so und ist heute so.

Was jedoch am Goldenen Kalb bemerkenswert ist: Es ist keine Vision, keine neue Idee. Es gab vor dem Judentum zahlreiche ägyptische und mesopotamische Stierkulte. Auf diese Kulte referenziert die biblische Geschichte und beschreibt damit eine Rückkehr zu alten Rezepten, die falsche Sicherheit vorgaukeln. Ein ängstlicher Selbstbetrug, eine nostalgische Flucht in ein Trugbild alter Sicherheit. Wir haben unsere Sehnsucht nach Sicherheit in Goldene Kälber gegossen. Und nicht alle sind so eindeutig als solche erkennbar wie das am Eingang zur CPAC.

15. März 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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