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Türen auf!

Verlockend klingt dieser Titel eines Buches von Lorenz Marti, Spiritualität für freie Geister. Weite verheisst er, Raum gewährend. Hängen geblieben bin ich bei einer Sequenz gegen Schluss: das Schaf und mein Herz.

Der Autor erzählt, ein schwerer Herzfehler sei bei ihm in jungen Jahren entdeckt worden. Für ihn habe der Herzfehler – Herzoperation – Tod bedeutet. In seiner Not habe er Heiler*innen aufgesucht und auf ein Wunder gehofft.

Zwei Begegnungen seien besonders hilfreich gewesen: Eine Heilerin hat ihm in einer guten Weise gesagt, dieser Herzfehler sei nichts für Heilerinnen, er solle ins Spital gehen und sich operieren lassen, sie werde an ihn denken. Sie hat ihm bezeugt, dass sie dies auch getan hat. Die zweite Begegnung war jene mit einer Betroffenen, die ihre Operation überstanden hatte. Sie erwähnte beiläufig, dass sie vorher einen Psalm auswendig gelernt und diesen oft leise rezitiert habe. Er selber habe diesen Psalm 23 dann nachgeschlagen. Dessen Worte begleiteten ihn nun seit vielen Jahren und gehörten zu seiner seelischen Hausapotheke.

Redlich geht er dann auf seine Ambivalenzen ein: Obschon er viele und massive Einwände hat, etwa gegen die Anrede «Herr» oder sich selbst als blökendes Schaf zu sehen, das auf einer grünen Au weide, zerpflückt er den Psalm nicht weiter und weiter. Er weist darauf hin, dass ein Psalm ja kein Tatsachenbericht ist, sondern Poesie, verdichtete Erfahrung. Und er zeigt auf, wie Poesie hier eine alte Bildwelt öffnet und ermöglicht, sie zu erleben: im Schauen, im lange Schauen und immer wieder Schauen, ohne glauben zu müssen, im Verweilen und im Wirken lassen. Er lebt die Freiheit, sich trotz vieler Einwände darauf einzulassen.

Und am Schluss lese ich, was mich am Buch am meisten überzeugt: «Eigentlich wollte ich gar nicht davon erzählen.» Diese Geschichte geht nicht auf. Aber möglicherweise hat mich gerade das veranlasst, sie hier zu Papier zu bringen. Geschichten, die nicht aufgehen, sind nicht abgeschlossen. Sie gehen weiter und lassen die Tür offen.

Pfrn. Ingrid Zürcher, ref. Seelsorgerin

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

5. Februar 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 4
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  • Spirituelles