Blick nach oben. Die Nacht der Religionen verbindet Himmel und Erde. Foto: Nacht der Religionen 2015; Stefan Maurer/maust.ch

Über «mögliche Zukünfte» nachdenken

Die Nacht der Religionen wird am 9. November im Museum für Kommunikation eröffnet. Das Motto lautet «Himmel oder Cloud?». Mit der Cloud, der Wolke also, wird auf die externen, für uns virtuellen Datenspeicher Bezug genommen, in die wir unsere Musik oder Fotos speichern. Der Himmel bleibt zweideutig. Wir sehen ihn täglich und vielleicht hoffen wir, dass wir dereinst da hinein kommen. Je nach Religiosität und Religion. Was das alles mit dem Museum für Kommunikation in Bern zu tun hat, haben wir dessen Direktorin, Jacqueline Strauss, gefragt.

Redaktion: Andreas Krummenacher


«pfarrblatt»: Die Nacht der Religionen und das Museum für Kommunikation scheinen meilenweit voneinander getrennt, oder was hat das Museum mit Religion am Hut? Mit welchen Worten werden Sie die Nacht der Religionen eröffnen?

Jacqueline Strauss: Ihre Frage ist ein Steilpass. Ich kann mir gut vorstellen, dass ich genau damit die Nacht der Religionen eröffnen werde. «Was hat das Museum für Kommunikation mit Religion am Hut?» Eine wunderbar einfache Antwort darauf hat mir neulich eine freiwillige Mitarbeiterin im Haus der Religionen gegeben: Sowohl bei den Religionen wie bei der Kommunikation sei etwas entscheidend – das Zuhören. Sie hatte sich offensichtlich auch Gedanken gemacht, wieso die Eröffnung ausgerechnet in unserem Museum ist.

Das zweite Schlüsselwort lautet «Dialog». Denn der Auslöser für diese Zusammenarbeit war, dass wir von einer weltweit einzigartigen Institution angefragt wurden, die ihren Standort in Bern hat: «Haus der Religionen – Dialog der Kulturen». «Dialog der Kulturen» bietet dem Museum für Kommunikation eine Brücke und weist auf Gemeinsamkeiten hin. Insbesondere natürlich auch wegen des diesjährigen Mottos: «Himmel oder Cloud? Wissenschaft, Technologie & Religion». Mit unseren Sammlungen und Ausstellungen erklären wir nämlich nicht primär Technologien, sondern stellen deren Auswirkungen auf unseren Alltag zur Debatte. Himmel oder Cloud ist deshalb eine Frage, die wir auch mit unserem Publikum diskutieren rund um die digitale Revolution.

Der Dialog ist die Spezialität unseres Museums. Denn wir sind nicht ein Museum über die Kommunikation, sondern ein Museum, in dem Sie die Kommunikation direkt erleben können. So gibt es bei uns keine gelangweilten Aufsichten, die in einer Ecke sitzen und aufpassen. Nein, bei uns arbeiten ausschliesslich Kommunikator*innen. Sie sind das Herzstück und begrüssen unsere Gäste immer persönlich und haben jeden Tag spezielle Aktivitäten parat. Seit diesem Herbst sind wir übrigens auch Partner bei «Dialogue en route». Ein Projekt, das Führungen von Jugendlichen für Jugendliche anbietet rund um ein friedliches Zusammenleben dank der Vielfalt der Religionen und Kulturen.
(Anmerk. der Redaktion: Mehr dazu siehe www.enroute.ch, Rubrik Projekte)

Facebook, Cambridge Analytica, Datenkraken, Big Data, Überwachung, künstliche Intelligenz, Quantencomputer – alles scheint möglich, wir sind gläserne Menschen. Wieso basteln wir an so allmächtigen, quasi gottähnlichen Instrumenten, woher stammt dieser menschliche Drang?

Bei dieser Frage denke ich an das Buch des bekannten Historikers Yuval Harari mit dem Titel «Homo Deus». Wir entwickeln uns tatsächlich vom «Homo sapiens» zu gottähnlichen Menschen, zum «Homo deus». Über Jahrhunderte standen die Götter im Zentrum, dann folgte die Aufklärung, mit der für zwei- bis dreihundert Jahre der Mensch mit seinen Gefühlen ins Zentrum rückt. Nun stehen wir offensichtlich vor einem datenzentrierten Zeitalter. Problematisch finde ich es, wenn wir technikgetrieben vorwärts straucheln und uns keine Gedanken machen, welche Daten über uns gesammelt und gebündelt werden. Im Museum für Kommunikation geben wir deshalb die Gelegenheit, über mögliche Zukünfte nachzudenken.

Sie sind Historikerin. Geschichtlich betrachtet, waren Kirchen und Religionen grosse Kommunikator*innen: Liturgie, Predigt, Seelsorge. Sind diese Zeiten vorbei – oder wo sehen Sie hier Chancen?

Was Sie hier aufzählen, ist vor allem eine Einwegkommunikation. Die Kirchen und Religionen haben gesendet, die Gläubigen hatten zu empfangen. Diese Zeiten sind tatsächlich vorbei. Das gilt auch für andere Institutionen, zum Beispiel für Museen. Das Museum für Kommunikation positioniert sich deshalb bewusst anders. Unser Museum ist kein Tempel, sondern ein Forum und damit ein Ort des Austauschs und des Dialogs. Wir stellen eher Fragen, als dass wir Antworten geben. Mit diesem Konzept entwickeln wir auch unsere thematischen Wechselausstellungen. In den letzten Jahren hatten interessanterweise mehrere davon Berührungspunkte zu Religionen. Das Museum für Kommunikation schaute in seiner Ausstellung «Goodbye & Hello: Im Dialog mit dem Jenseits» auf die Schnittstelle zwischen dem Dies- und dem Jenseits.

Mit «Rituale. Ein Reiseführer fürs Leben» machten wir bewusst, wie Rituale unser Leben prägen: am Familientisch, am Arbeitsplatz, im Sportstadion und in der Kirche. Und zuletzt widmeten wir mit «Sounds of Silence» der Stille eine Ausstellung, bei der uns unter anderem der Jesuit und Zen-Meister Niklaus Brantschen unterstützte.

Wir sind schnell bereit, beispielsweise einen Roboter zu vermenschlichen. Ich erinnere mich da gerne an eine Vorführung in Ihrem Museum und an die faszinierende Reaktion der Kinder darauf. Was macht der technische Fortschritt mit unserer zwischenmenschlichen Kommunikation? Sprechen wir nur noch mit Geräten und nicht mehr miteinander?

Ken Olsen, Chef der Computerfirma DEC, sagte 1977: «Es gibt keinen Grund, dass irgendjemand einen Computer zuhause haben soll.» Und Steve Jobs, Mitbegründer von Apple, sagte 1990 : «Es ist das bemerkenswerteste Hilfsmittel, das wir je erfunden haben, und das Äquivalent eines Fahrrades für unseren Verstand.» Die beiden Zitate zeigen exemplarisch, dass es bei jeder technischen Erfindung skeptische und begeisterte Reaktionen gibt. Die Erfahrung zeigt, dass neue Kommunikationswege die bestehenden nicht verdrängen. Sowenig wie der Fernseher wird deshalb der Roboter die direkte menschliche Kommunikation je ersetzen. Letztlich bleibt der Mensch ein «soziales Tier» und sucht den Kontakt zu anderen.

Sind Sie religiös?

Mich faszinieren rätselhafte Seher wie Bruder Klaus – er lebte vor 600 Jahren in Obwalden, war Eremit und politischer Vermittler zugleich. Von ihm ist aus einem Brief an den Rat von Bern der Satz überliefert: «Darum sönd ir luogen, dz ir enandren ghorsam syend». Darum sollt ihr euch bemühen, einander gehorsam zu sein. Verstanden habe ich diesen Satz dank Peter von Matt. Er ist ein schweizweit geschätzter Literaturkenner und hat an einem Festakt zu Ehren von Bruder Klaus 2017 in Sarnen eine eindrückliche Rede gehalten. Gehorsam – das ist das entscheidende Wort – leitet sich von «Horchen» ab. Es geht nicht um blinden Gehorsam, im Gegenteil: Wichtig ist, dass wir auf einander horchen. Bereits Bruder Klaus hat uns also mitgegeben, dass wir Lösungen finden, wenn wir einander aufmerksam zuhören.

 

 

 

Jacqueline Strauss ist seit Mai 2010 Direktorin des Museums für Kommunikation in Bern. Sie studierte Geschichte und Politikwissenschaft sowie Kulturmanagement. Das Museum für Kommunikation ist eine Stiftung von Swisscom und der Schweizerischen Post. Foto: zVg

 

 

 

 


Die Eröffnung der Nacht der Religionen
beginnt am 9. November um 18.00 im Museum für Kommunikation, Helvetiastrasse 16, in Bern, danach finden an verschiedenen Orten in Bern Programme statt wie Podiumsgespräche und kulturelle Veranstaltungen rund um die Themen Technik, Religion, Vernunft, Glaube, Wissenschaft, quasi «Gott oder Google?», wie es eine Veranstaltung im Haus der Religionen auf den Punkt bringt. Schlusspunkt um 23.00 in der Heiliggeistkirche Bern (die Kirche am Bahnhof). Die Nacht der Religionen findet jährlich im November im Rahmen der Woche der Religionen statt. Sie wurde ins Leben gerufen, um die Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher Religionszugehörigkeit sowie solchen ohne Religionszugehörigkeit zu fördern. Infos: www.nacht-der-religionen.ch

 

 

 

7. November 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 23
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