Das Wagnis, sich zu exponieren. Und Scham? Foto: la dina / photocase.de

Und Scham?

Die Frage, ob Scham in den Begegnungen ein zentrales Thema sei, hätte ich wohl aufgrund meiner Berufserfahrung nicht von Anfang an bejaht.

Einen neuen Akzent in meiner Einschätzung bekam ich durch die Islamwissenschaftlerin, die vor einigen Jahren uns in Inselseelsorgenden ausführte, dass Scham in muslimischen Kontexten von grosser Bedeutung sei.
Später merkte ich in der Auseinandersetzung mit dem römischen Reich, dem Kontext der neutestamentlichen Texte, wie grundlegend dort das gesellschaftliche Streben nach Ansehen und Ehre und die Furcht vor Beschämung waren. Und jetzt, wenn ich zum Beispiel darauf achte und nachspüre, wie Menschen mir als Seelsorgerin von ihren Erfahrungen und ihrem Ergehen mit bereits verstorbenen nahen Menschen erzählen, fällt mir die tastende Vorsicht auf, ob sie es wagen können, sich zu exponieren.

Da geht es ebenfalls um Scham und die Befürchtung, sich selbst als «gestört» zu entlarven. Zunehmend wird mir bewusst, wie subtil Scham mitgeht und in vielen Begegnungen eine gewichtige Rolle spielt.
Möge es oft möglich sein, das Erleben der Betroffenen wirklich ernst zu nehmen und mit hineinzugehen in die erlebte Wirklichkeit – gewiss, ohne dabei in ihr aufzugehen.

Ingrid Zürcher, ref. Seelsorgerin


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24. Januar 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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