Underground Railroad - in den Eingeweiden der Südstaaten

Die Randall-Baumwollplantage in Georgia, um 1840, ist kein Ort für schwache Nerven. Gewalt ist an der Tagesordnung, Meister und Aufseher pressen alles aus ihre Sklaven heraus, und auch unter den Sklaven selber besteht eine Hackordnung. Als 15-Jährige Waise ist Cora so ziemlich auf der untersten Stufe. Ihre Mutter floh, als sie noch klein war, und liess sie zurück. Bis hierher tönt das nach einem klassischen «Sklaverei-Roman», doch was danach kommt, entführt uns in ein ganz neues Erzähl-Universum. Mit ihrem Schicksalsgenossen Caesar versucht Cora ihrerseits die Flucht – entlang der sagenumwobenen «unterirdischen Eisenbahn», die sie in die Nordstaaten bringen soll. Ihre Odyssee bringt sie über Süd- und Nord-Carolina, Tennessee, nach Indiana und weiter in den Norden. In jedem Staat trifft Cora auf eine andere Realität – immer sieht es so aus, als hier die Freiheit greifbar wäre, immer kommt eine andere Bedrohung für Ex-Sklaven zum Vorschein. Ausserdem ist da auch der Sklavenjäger Ridgeway, der schon ihre Mutter nicht wieder einfangen konnte und jetzt Cora umso verbissener über alle Staatsgrenzen hinweg verfolgt. 

Die «underground railroad» hat es wirklich gegeben, ein Netzwerk von Menschen, befreite Sklaven und Abolitionisten, die schätzungsweise 100'000 Sklaven aus dem Süden zur Flucht verholfen haben. Im Buch wird aus dem Codenamen für dieses Netzwerk eine physische Eisenbahn, die durch Tunnels unter die Grenzen führt. Der Erzählwucht tut dies keinen Abbruch. Auch das dystopische Nord-Carolina, wo zwar die Sklaverei abgeschafft wurde, aber wo sich nun auch keine dunkelhäutige Menschen mehr aufhalten dürfen, ist nicht historisch verbürgt. Und dennoch gar nicht so weit entfernt von der Situation, die rund hundert Jahre später in Billie Holidays Lied «Strange Fruit» dargestellt wird und sehr wohl existiert hat.

Sabrina Durante

Colson Whitehead: «Underground Railroad», Fischer Taschenbuchverlag, aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl, ISBN 978-3-596-52227-9, 496 Seiten, Fr. 19.90

20. März 2019
erstellt von «pfarrblatt» online
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