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Der abgesetzte Generalvikar des Bistums Chur, Delegierter der Urschweizer Kantone, Martin Kopp. Foto: Ueli Abt

Gemeinsames Innehalten. Simone Curau-Aepli, Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes. Foto: Ueli Abt

Übergabe der 3800 Unterschriften am Bischofssitz in Chur, 18. Juni. Der apostolische Administrator liess sich von Kanzlerin Donata Bricci (Mitte) vertreten. Foto: Ueli Abt

Churer Bischofssitz. Foto: Ueli Abt

«Unglaubliches Kommunikationsproblem im Bistum»

Rund 80 Personen verfolgten die Übergabe der Petition «Solidarität mit Martin Kopp» im Hof des Churer Bischofssitzes. Der Adressat des Anliegens aber fehlte – Bischof Bürcher liess sich durchs Kanzleipersonal vertreten. Dabei hatte er doch das aufeinander Hören propagiert.

Von Ueli Abt, kath.ch

Gemeinsame Stille in der Churer Kathedrale, anschliessend Übergabe der Petition an Bischof Peter Bürcher – das wäre der Plan gewesen. Vorgesehen hatten dies die Initianten einer besonderen Wallfahrt: Eine Gruppe von Theologinnen und Theologen war zu Fuss in mehreren Tagesetappen nach Chur gepilgert. Mit im Gepäck hatten sie die von ihnen lancierte Petition «Solidarität mit Martin Kopp». Dieser war von Bürcher, der das Bistum als Apostolischer Administrator leitet, Knall auf Fall aus dem Amt als Bischofsvertreter in der Innerschweiz entlassen worden. Die von gut 3800 Personen unterzeichnete Petition fordert ausserdem einen Bischof «mit Brückenbauerqualitäten» im polarisierten Bistum Chur.

Absage auf den letzten Drücker

Die Nachricht, dass die Kathedrale nicht zugänglich sein würde, traf laut den Petitionären auf den letzten Drücker ein. «Die E-Mail des Bistums kam gestern um 20.48 Uhr. Es hiess, die Kathedrale würde morgens desinfiziert und sei bis 9.30 Uhr nicht zugänglich», sagt Petitionärin und Pilgerin Hella Sodies.

Die gemeinsame Stille hielten die Anwesenden dann einfach im Hof an der Sonne ab. Rund 80 Personen waren gekommen, um mit ihrer Präsenz Solidarität mit dem geschassten Delegierten für die Bistumsregion Urschweiz zu demonstrieren.

Nach dem halbstündigen Innehalten ging es dann gemeinsam zum nahen Eingang des Bischofssitzes gleich vis-à-vis im Hof. Statt Bürcher oder einem anderen Vertreter der Bistumsleitung traten allerdings die Kanzlerin und der Kanzleisekretär vors Tor und nahmen die als Geschenk verpackte Petition entgegen.

«Wir distanzieren uns vom Leitungstil und der Art der Kommunikation», fasste Veronika Jehle aus der Gruppe der Pilger das Anliegen der Petition nochnmals kurz zusammen. «Wir suchen den Dialog, doch nun zeigt sich uns niemand von den Verantwortlichen», hielt sie fest.

Pilger Daniel Burger-Müller wies auf den Widerspruch zu dem von Bürcher selbst gestarteten Prozess der Erneuerung der Kirche hin. «Dass wir aufeinander hören sollen, war seine Idee. Da bräuchte es nun ihn. Es bräuchte, dass er uns zuhört.» «Blutleer und hohl» «Ich habe damit gerechnet, dass Bischof Bürcher die Peitition nicht persönlich entgegennimmt», sagte Jehle am Rand des Anlasses zu kath.ch. Dass überhaupt jemand die Petition entgegen genommen habe, sei das Mindeste. Die Kanzlerin Donata Bricci vertrat das Ordinariat Chur. Die Spannung zwischen dem Aufruf, aufeinander zu hören, und der Verweigerung des Dialogs bezeichnet sie als «Provokation». Nun zeige sich, wie «blutleer und hohl» die Kommunikation des Bistums im Zusammenhang mit der Erneuerung sei. «Die Kanzlerin ist keine Dialogpartnerin, sie kann nicht inhaltlich auf das Anliegen eingehen.»

Dankesfeier für Kopp

Anschliessend begaben sich die anwesenden Unterstützer hinauf zur Kirche St. Luzi beim Priesterseminar beziehungsweise der Hochschule. Der Ort sei nicht zufällig gewählt, führte Simone Curau-Aepli, Präsidentin des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes, vor dem Publikum aus. Schliesslich sei Luzius der Schutzpatron des Bistums, und um dessen Zukunft gehe es. Der Dank an Martin Kopp für seine Verdienste zugunsten einer glaubwürdigen und zeitgemässen Kirche sei auch verbunden mit der Würdigung vieler anderer, welche weiterhin ausgeschlossen würden.

Curau-Aepli würdigte insbesondere vier Personengruppen: Frauen, welche allein aufgrund ihres Geschlechts keinen Zugang zur Priesterweihe erhalten, Priester in Liebesbeziehungen, die genug hatten vom Versteckspiel und darum ihr Amt aufgeben müssen, Personen, die sich vom gleichen Geschlecht angezogen fühlen, sowie all jene Mystiker, Professoren, Priester und Autoren, die den Glauben zeitgemäss interpretieren wollten und deswegen Rede- oder auch Auftrittsverbot erhielten.

Bürcher in Schwyz, Kopp in Chur

Der langjährige Pfarreiblatt-Redaktor Eugen Koller aus der Pilger- und Petitionsgruppe machte vor den Anwesenden bekannt, dass der Medienbeauftragte des Bistums erst am Vorabend die Pilger per E-Mail informiert hatte, dass Bürcher sich bei der Petitionsübergabe vertreten lassen werde. Die Begründung: dann wohne Bürcher dem in Schwyz tagenden Bischofsrat in Schwyz bei – coronabedingt via Zoom-Konferenz.

Koller würdigte insbesondere das vielfältige Engagement Kopps für eine glaubwürdige, zeitgemässe und lebendige Kirche – wie er klar machte, wäre aus Sicht der Pilger ein solcher Dank seitens des Bistums angezeigt gewesen. Koller erwähnte die vielfältigen Verdienste Kopps, so etwa für Flüchtlinge. «Das ist keine Heiligsprechung von unten, aber wir fanden, es gehört sich, an dieser Stelle ‹Danke› zu sagen», schloss Koller.

Kirche wird «von unten erhellt»

Christian Cebulj, Rektor der Theologischen Hochschule Chur, überreichte Kopp im Namen der Hochschule zwei Geschenke, einerseits ein – selbstgeschriebenes – theologisches Buch, andererseits einen Grappa aus Churer Trauben, für den Fall, dass ihm wieder einmal «unverdauliche Nachrichten aus Chur» zu Ohren kämen, wie er kommentierte.

Im Verlauf des Anlasses ergriff auch Martin Kopp das Wort. «Es ist schön, dass man so zueinander stehen kann», sagte er. Das sei ein Zeichen für eine lebendige Kirche. Wenn auch unten im Bistum wohl nicht schon alle eifrig am Lesen der Petition seien, so werde diese bestimmt längerfristig Wirkung zeitigen.

«Ein neuer Bischof im Bistum wird uns zuerst neu lehren müssen, aufeinander zu hören. Wir haben ein unglaubliches Kommunikationsproblem im Bistum», bilanzierte Kopp. Seine Worte schloss er mit einer Beobachtung aus der Churer Kathedrale, die er eben noch zum Gebet aufgesucht hatte. Dort habe er plötzlich wahrgenommen, dass der zunächst recht dunkel wirkende Kirchenraum von der Krypta her erleuchtet werde. «Gottes Geist vermag, von unten her die Kirche zu erhellen. Das sollten wir als Bild mitnehmen.»

 


DIE ABSETZUNG Martin Kopps als Delegierter der Urschweizer Kantone beim Bistum Chur erfolgte per Mitteilung auf der Bistumswebseite am 18. März 2020. Entlassen wurde Martin Kopp von Peter Bürcher – dieser führt das Bistum interimistisch als Apostolischer Administrator, bis ein neuer Bischof gewählt ist. Laut der damaligen Mitteilung wurde Kopp ein Interview in der «NZZ am Sonntag» zum Verhängnis. Er habe sich dort «wertend zur anstehenden Bischofswahl geäussert» und ein Eingreifen des Staats begrüsst, damit nicht wieder ein pointiert konservativer Bischof gewählt werde. Aus Sicht des Apostolischen Administrators Bürcher ein Akt der Illoyalität.

In Sachen Bischofswahl gibt es keine weiteren Informationen. Der zuständige päpstliche Gesandte in Bern, Nuntius Erzbischof Thomas Gullickson antwortete in der Luzerner Zeitung vom 18. Juni auf die entsprechende Frage, er könne dazu nichts mitteilen. Und weiter: «Auch ich warte auf Nachricht aus Rom. Ich bete inständig nicht nur für einen guten Bischof, sondern dass die Menschen hierzulande ihre Meinung dem Bischof gegenüber ändern. Ich glaube nicht an den Superbischof, den viele sich wünschen, charismatischer Leader und Versöhner: So ein Bischof ist noch nicht geboren. Das Erfolgsrezept für das Bistum Chur ist eher auf die Bereitschaft des Klerus gebaut, den neuen Bischof bedingungslos anzunehmen und ihn durch dick und dünn zu tragen.»      Andreas Krummenacher


 

 

18. Juni 2020
erstellt von «pfarrblatt» Bern
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