Erste Tagung des Flüchtlingsparlament in Bern. Foto: Sabrina Durante

«Unsere Stimmen sollen gehört werden»

Sie leben zum Teil jahrelang in der Schweiz, ohne Zugang zu Bildung oder Arbeit und ohne politische Stimme – am 6. Juni haben nun Geflüchtete zum ersten Mal im Flüchtlingsparlament in Bern getagt und ihre Anliegen vorgebracht. Das Parlament kam in der Rotonda der Dreifaltigkeitspfarrei zusammen.

Von Sabrina Durante

«In diesem Moment liebe ich die Schweizer Verfassung», lächelt Maya aus Syrien. Sie ist eine von 75 Geflüchteten aus 19 Kantonen und 15 Ländern, die sich seit April in verschiedenen Kommissionen engagieren und sich auf die erste Flüchtlingssession vorbereitet haben. Und sie freut sich über die Möglichkeit, ihre Anliegen vortragen zu können. «Es ist eine grosse Loyalität spürbar», findet sie. Vom Flüchtlingsparlament erhofft sie sich die Diskussion um eine Erweiterung des Familiennachzugs. Sie ist mit ihrer Schwester Haya in die Schweiz geflüchtet, ihre Mutter bekommt aber mit ihrem syrischen Pass kein Visum. «Heimat ist kein geografischer Begriff, Heimat ist da, wo deine Geschwister, deine Familie sind», erklärt sie. «Meine Seele zerreisst, weil unsere Familie getrennt ist».

Sieben Jahre auf der schulischen Wartebank

Als Amine mit 16 Jahren aus Guinea flüchten musste, hoffte er, in der Schweiz sein Leben neu starten zu können. «Mein Asylantrag wurde nach drei Jahren abgelehnt, und danach war ich fast vier Jahre ohne Aufenthaltsbewilligung hier. Während dieser ganzen Zeit durfte ich nicht zur Schule gehen, keine Ausbildung machen – zweimal hatte ich Aussicht auf eine Lehrstelle, durfte diese aber nicht antreten. So habe ich sieben Jahre Schulbildung verpasst, seit ich in der Schweiz bin: Ich möchte nicht, dass es anderen auch so ergeht. Bildung ist ein Grundrecht», erzählt er. Mittlerweile hat er eine Aufenthaltsbewilligung und wird im August endlich eine Lehre als Hochbauzeichner beginnen. Zum Flüchtlingsparlament ist er gekommen, damit seine Stimme gehört wird: «Wir sind ein Teil der schweizerischen Gesellschaft, wir möchten akzeptiert werden und unsere Partizipation in dieser Gesellschaft ausleben». Seine Eindrücke aus dem ersten Flüchtlingsparlament sind durchwegs positiv: «Ich habe gesehen, dass ich nicht der Einzige bin, der mit Schwierigkeiten zu kämpfen hatte: wir sind 75 Flüchtlinge aus allen Kantonen und haben alle Ähnliches erlebt. Hier werden nun unsere Anliegen ernst genommen, Politiker hören uns zu. Das gibt mir grosse Hoffnung, dass sich unsere Situation verändern kann.»

«Etwas passiert in den Herzen»

Ron Halbright, Co-Geschäftsleiter des NCBI Schweiz (siehe Kasten) hat den Anlass geplant und ist sichtlich zufrieden mit dem Resultat: «Das erste Flüchtlingsparlament war ein voller Erfolg, dank der vielen Geflüchteten, die sich engagiert haben und ihre Vorschläge und Ideen eingebracht haben. Etwas passiert in den Herzen der Menschen, wenn man nicht nur abstrakt über F-Bewilligungen und Härtefälle redet, sondern die Gesichter dahinter sieht und ihre Stimmen hört».

Viel zu oft werde über Geflüchtete gesprochen, aber nicht mit ihnen. «Die Parlamentsmitglieder aus National- und Ständerat, die heute zum Podium dazu gestossen sind, haben sich sehr gefreut, diese Stimmen direkt zu hören und sich gewünscht, solche Begegnungen auch ihren Kolleg*innen im Bundeshaus ermöglichen zu können. Sie haben uns eingeladen, und wir freuen uns, sie im Bundeshaus zu treffen».

 


Hinter dem ersten Flüchtlingsparlament steht das NCBI (National Coalition Building Institute) Schweiz mit seinem Partizipationsprojekt «Unsere Stimmen»; unterstützt wurde es durch UNHCR Schweiz, der Schweizerischen Flüchtlingshilfe SFH, terre des hommes schweiz, den Bereich OeME-Migration der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn, den Eritreischen Medienbund, Bildung für alle – jetzt! sowie weitere Integrations- und Migrationsorganisationen.
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8. Juni 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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