Tückischer katholischer Slalomhang. Foto: zVg

Unten links gegen oben rechts

Als ich gebeten wurde einen kurzen Beitrag zum Thema «katholische Kirche im Jahr 2040» zu liefern, musste ich herzlich schmunzeln, wurde doch eine junge Person hierfür gesucht, welche zugleich kirchennah und kirchenkritisch sei und welche 2040 nicht schon pensioniert sein würde.

Ja – diesen Slalom, bestehend aus Kirchennähe und Kirchenkritik, kenne ich gut. Ich absolviere ihn nun seit meiner Erstkommunion mehr oder weniger erfolgreich, wobei sich die katholische  Kirche bereits des Öfteren als tückischer Slalomhang erwiesen hat, auf dem ich schon oft beinahe von der Piste geflogen bin.

Aber deswegen musste ich nicht schmunzeln– amüsiert hat mich vielmehr die Vorstellung, wo ich dereinst im Jahre 2040 als 60-Jähriger stehen werde. Pensioniert werde ich dann zumal noch nicht sein, aber so gut wie! Denn mit 60 da will ich mein wohlverdientes Sabbatical-Jahr nehmen, danach reihe ich ein halbes Jahr lang Abschiedsapéros aneinander, räume noch etwas den Schreibtisch auf und lasse mich frühpensionieren. Mit 62 beginne ich dann ein absolut brotloses Studium an der Altersuniversität, erfreue mich an meiner Rente und noch viel mehr an meinen Enkelkindern.

So schön und behaglich stelle ich mir das alles vor – freilich, es fehlt mir der Glaube daran. Gerade war wieder zu vernehmen die Wirtschaft strebe Rentenalter 67 an – und danach, wie geht es weiter? Rentenalter 70; 75;80? Gibt es 2040 überhaupt noch eine Rente? Und wenn ja, reicht sie aus, um brotlose Studienzu betreiben oder sind sowieso alle am Darben und damit brotlos?

Die Welt von morgen zeichnet sich heute bereits ab: Ressourcen schwinden und der Arbeitsmarkt wird laufend flexibilisiert, wobei Flexibilisierung bloss ein anderes Wort für Sozialabbau, stagnierende Löhne und Arbeitslosigkeit ist. Es wird härter werden in Zukunft.

Zuweilen glaube ich, dass wir jetzt gerade noch alle zusammen auf dem Höhepunkt einer gewaltigen Wohlstandswelle treiben. Einer Welle, die sich unmittelbar nach demZweiten Weltkrieg aufzutürmen begann. Die Wirtschaft und die Löhne meiner Elterngeneration wuchsen jedes Jahr, genauso wie die Flut an Konsumgütern. Und in diesem gigantischen Überfluss erlaubten wir uns sogar, das eine oder andere Sozialwerk einzurichten.

In dieser einzigartigen Wohlstandsschwemme vollzog die katholische Kirche mit dem zweiten Vatikanischen Konzil einen wichtigen und wesentlichen Wandel. Ich habe aus diesem Grund nie die sogenannt alte katholische Kirche am eigenen Leib erfahren oder gar erlitten. Ich kannte von Anfang an nur die katholische Kirche nach dem Konzil und diese Kirche, wohlgemerkt die katholische Kirche der Schweiz, war eine ausgesprochen nette Kirche. Eine nette Kirche für ein wohlstandsverwöhntes Land. Eine nette Kirche mit netten postmaterialistisch angehauchten Tipps füreine nette Lebensführung. Was taugt eine solch nette Kirche in einer schwieriger werdendenZukunft?

Ja – noch treiben wir auf dem Kamm jener gewaltigen Wohlstandswelle, aber was geschieht wenn die Welle bricht? Vermögen wir– die Übersättigten – überhaupt noch zuschwimmen? Vermag unsere nette, etwas aufgedunsene Kirche noch zu strampeln, zu rudern, zu schwimmen?

Ich wünsche es ihr. Ich wünsche mir, dass die katholische Kirche mit und für die kleinen Leute zu schwimmen vermag und da ich hier sagen darf, wo ich die katholische Kirche im Jahr 2040 sehe – dann sage ich es ganz unumwunden:

Unten links, kämpferisch und zäh an der Seite der kleinen Leute, unten links gegen oben rechts - denn nur so wird auch in Zukunft das Rentenalter nicht erst im biblischen Alter erreicht werden. Denn so gibt es eine solidarische Zukunft für Rentner, ihre Kinder und ihre Enkel und vermutlich können wir dann auch noch 2040 hochinteressante, jedoch absolut brotlose Studiengänge an der Altersuniversität belegen.


Michel Dängeli (34),ehemaliger Präses Jungwacht/Blauring Bern, Jugendarbeiter Spiez und Dozent an der Pädagogischen Fachhochschule Nordwestschweiz

7. Januar 2015