Heilige Bücher, Gottes Wort?! Foto: fotolia/vintervarg

Urtext, der -

Die Bibel, das meistgedruckte und -verkaufte Buch der Welt, wurde mittlerweile in jede existierende Sprache übersetzt. Solche Übersetzungen bringen notwendigerweise die Schwierigkeit mit sich, sprachliche Nuancen zu transkribieren.

Und wenn dann heikle dogmatische Aussagen über den Glauben aufgrund einer Bibelstelle gemacht werden sollen – dann ist eine genaue Übersetzung noch viel wichtiger. Doch was heisst «genau»?

Jede Bibelübersetzung ist notwendigerweise geprägt vom Glauben des Übersetzers. Zum Beispiel die Neue-Welt-Übersetzung, eine Eigenübersetzung der Zeugen Jehovas. Das Urteil der Evangelischen Kirchen dazu fiel harsch aus. Eine «Bibelfälschung» sei das. Die Übersetzer hatten ausserdem nicht etwa einen hebräischen Urtext übersetzt, sondern benützten als Grundlage die englische Version «Der New World Bible».

Na und?, mag man jetzt sagen. Der Inhalt bleibt ja der Gleiche? Eben nicht. Einen hebräischen bzw. aramäischen Text sowohl wort- als auch inhaltsgetreu zu übersetzen, ist eine Kunst. Besonders schwierig ist dies beim Alten Testament, wo uns nur vereinzelte hebräische Textfragmente erhalten sind, welche aus der Zeit Jesu stammen.

Erster Schritt jeder Bibelexegese ist daher die Suche nach dem Urtext: der Textfassung, die am nächsten bei der ersten Niederschrift ist. In der Bibelforschung bietet sich dafür meist die Septuaginta an. Diese altgriechische Übersetzung des Alten Testaments diente schon den Evangelisten als «ihre» Bibel – und prägte damit die Theologie des Neuen Testaments entscheidend!

Deutsche Bibelübersetzungen sind meist der Lesbarkeit halber bearbeitet. Es wurde weggelassen, hinzugefügt, verändert. Oft sogar so, dass inhaltliche Veränderungen zutage treten, indem eine sprachliche Nuance des Hebräischen oder Altgriechischen im Deutschen nicht wiedergegeben werden kann. Die Bibel ist ein gewachsenes Buch, tausendfach überarbeitet und überdacht. Und sie soll auch so gelesen werden – denn wer einen von Gott diktierten Text lesen will, der muss den Koran zur Hand nehmen.

Sebastian Schafer


Katholisch kompakt im Überblick

22. August 2018
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 35-36
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