Ve r r ückt ist relativ

Verrückt ist relativ

Mittwoch, 16. September, 14:52 Uhr. 2 Stunden bis zur Sendung. Noch herrscht entspannte Atmosphäre im Sitzungsraum von Radio loco-motivo. Der Raum gleicht eher einer Wohnküche: Kaffeemaschine und Kochherd stehen neben Drucker und PC-Station. Zwischendurch huscht jemand von Radio RaBe, von dessen Studios aus loco-motivo seine Sendungen in den Äther schickt, in den Raum, um ein Dokument oder ein Briefcouvert hervorzusuchen. Kurt sitzt am Tisch und sortiert CD‘s. Es ist das Musikprogramm, das er heute für die Sendung zusammengestellt hat. Frédéric holt sich noch einen Kaffee, er geht noch schnell eine rauchen, dabei liest er die Anmoderation von heute leise vor sich hin: «Dir ghöret live Radio loco-motivo uf 95,6 MHZ vom Studio 1, u das chunnt guet…»

Das «verrückte» Radio

Obwohl es so scheint: Radio loco-motivo ist kein Radio wie jedes andere. Nomen est omen: «loco» ist spanisch und bedeutet «verrückt». Und Radio loco-motivo ist tatsächlich eine verrückte Sache: Die Sendung wird gestaltet von Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung, Menschen, welche schon einmal Erfahrungen mit der Psychiatrie gemacht haben. Das kann ein Burnout sein, Depression oder auch eine psychische Störung.
Begründer des «verrückten» Radios ist Gianni Python. Bei der Arbeit in einer psychiatrischen Klinik in Chile kam er erstmals in Kontakt mit dem Konzept des «Radio Loco»: Radio als Brücke zur Aussenwelt, die Menschen mit Psychiatrieerfahrung eine Stimme verleiht und soziale Stigmata abbaut. Bald war für Python klar, dass er ein solches Projekt auch in der Schweiz auf die Beine stellen wollte. In Zusammenarbeit mit Radio RaBe konnte Radio loco-motivo 2011 erstmals auf Sendung gehen. Seitdem präsentiert das Radio alle vier Wochen ein einstündiges Programm. Darin enthalten: Musik, Gedichte, Kolumnen und Reportagen, hauptsächlich zu Themen der Psychiatrie.

Das Projekt kann auch auf weitere professionelle Unterstützung zählen: Als Partner von RaBe stehen die Radioschule klipp+klang und die Interessengemeinschaft Sozialpsychiatrie igs hinter dem Projekt. Seit Mai 2014 steht Radio loco-motivo als reguläres Freizeitangebot im Programm der igs, einer Organisation, welche Menschen mit einer psychischen Beeinträchtigung eine ihren Bedürfnissen angepasste Lebensform anbieten möchte. Die Radioschule klipp+klang bildet die Redaktion von loco-motivo radiotechnisch aus - normalerweise bietet sie Ausbildung und Kurse für nicht kommerzielle Lokal- und Privatradios an.

«Wir müssen flexibel sein», sagt Heidi Kronenberg. Ehemals Redaktorin bei Radio SRF, unterstützt sie das Radioteam bei seiner wöchentlichen Arbeit. Sie und Gianni Python leiten das Radio loco-motivo zwar, bleiben bei der eigentlichen redaktionellen Arbeit aber eher im Hintergrund. «Wenn es jemandem nicht gut geht, kann er sich Freiraum nehmen. Damit müssen wir umgehen können.» Ganz so wie mit einem «normalen» Radioteam sei es nicht. Jederzeit könne jemand ausfallen, weil die Arbeit in dem Moment gerade eine zu grosse Belastung wäre oder die Person gerade in Behandlung müsse. Aber die regelmässige Arbeit bei loco-motivo sei eine Bereicherung für jeden: «Wenn du weisst, ich werde da erwartet, wird das Teil der Wochenstruktur, gibt dem Alltag eine gewisse Festigkeit.»

Betroffenen eine Stimme geben

Radio loco-motivo gibt der Psychiatrie eine Stimme. Über das Radio können sich die Betroffenen selber zu Wort melden, aus ihrer Sicht informieren und ihre Anliegen vorbringen. Anstatt Berichterstattung von Aussenstehenden bringt loco-motivo Erfahrungen von «Insidern». Seien es Kolumnen und Gedichte, in welchen die Schreibenden hautnah ihre Erfahrungen dokumentieren, oder Reportagen und Beiträge über Themen der Psychiatrie: Psychosen, Psychiatrieseelsorge oder Musik als Therapie.

Auch für das Selbstvertrauen sei die Arbeit beim Radio wertvoll. Für Menschen mit einer psychischen Krankheit sei der Kontakt mit anderen Leuten vielfach eine grosse Herausforderung. Die Radiotätigkeit sei da eine grosse Hilfe. Man lerne, «nach aussen zu treten, an die Öffentlichkeit. Schon seine eigene Stimme im Radio zu hören, tut dem Selbstvertrauen enorm gut», meint Claudio. Er hat ein Burnout hinter sich, bei loco-motivo ist er für das Technische zuständig. Man schliesse zudem Kontakte, helfe einander, arbeite zusammen. «Das ist ein ganz, ganz grosses Plus, das man sonst in der Geschäftswelt nicht findet: Jeder ist, wie er ist und macht das, was er kann und das ist okay so.»

18:01 Uhr, die Sendung ist vorbei, es wird auf Schultern geklopft und erleichtert zurückgelehnt. Der Titelsong spielt, er ist auf spanisch, aber von der Berner Gruppe «Formation Colibri».  «Loco es relativo» singen sie in einer Zeile – verrückt ist relativ.  

Sebastian Schafer, Praktikant kathbern.ch und «pfarrblatt»

Infos: www.radiolocomotivo.ch

21. Oktober 2015