Elham Manea. Foto: Pia Neuenschwander

Verhüllungsverbot: «Die Schweiz ist keine Insel»

Elham Manea, jemenitische Politologin aus Bern, spricht sich für ein Ja zum Verhüllungsverbot aus.


Interview: Rico Bandle, Sonntagszeitung

Sonntagszeitung: Die wichtigste Frage zum Verhüllungsverbot lautet aus liberaler Sicht: Können wir eine freiheitsfeindliche Ideologie bekämpfen, indem wir eine freiheitsfeindliche Regel aufstellen?

Elham Manea: Diese Frage ist sehr berechtigt. Auch mir ist unwohl, ein Kleiderverbot in die Verfassung zu schreiben. Und ich habe grosse Mühe damit, aus welcher Ecke diese Initiative kommt. Nämlich von Leuten, die sich sonst nie für Frauenrechte einsetzen, das sieht man an deren Abstimmungsverhalten im Parlament. Andererseits muss unsere Gesellschaft in der Lage sein, klare Grenzen zu ziehen und manchmal zu sagen: «So nicht. Bis zu diesem Punkt und nicht weiter.» Wir sollten den Mut haben, für unsere humanistischen und auf den Menschenrechten basierenden Werten einzustehen. Leider hat es der Bundesrat verpasst, einen griffigen Gegenvorschlag vorzulegen. Deshalb bin ich für die Initiative, auch wenn mir einiges daran nicht gefällt.

In der Schweiz gibt es laut einer Studie der Uni Luzern nur etwa 30 Frauen, die sich verhüllen. Ist ein Verbot verhältnismässig?

Natürlich handelt es sich um Symbolpolitik. Aber um ein wichtiges Symbol. Die Schweiz muss gegenüber dem Islamismus eine klare Haltung einnehmen. In Grossbritannien oder Frankreich, wo man zu lange gezögert hat, konnte sich der religiöse Extremismus stark ausbreiten mit Auswirkungen auf die gesamte Gesellschaft, auch auf die Universitäten, das Arbeitsleben.

Das Verhüllungsverbot als Signal gegen den Extremismus?

Genau. Der Nikab steht für eine Ideologie, die ungestraft Frauenrechte verletzt. Gemäss deren fundamentalistischer Interpretation des Islam ist die Frau auf ewig unmündig und braucht einen männlichen Vormund. Der Mann darf seine Frau schlagen, wenn sie ihm nicht gehorcht. Kinderehe ist erlaubt, oft ab dem Alter von neun Jahren. Und es handelt sich um eine Ideologie, die besagt, dass Sklaverei kein Problem sei.

Sklaverei?

Ja. Die Kämpfer des Islamischen Staats sahen es als ihr gutes Recht, die Jesiden zu versklaven. Für sie waren diese Menschen Kriegsbeute, damit kann man machen, was man will. Der Prophet hatte schliesslich auch Kriegssklaven. Deshalb sage ich: Die Vollverschleierung, dieses Symbol der Unterdrückung, gehört nicht in eine freie Gesellschaft!

Oft sagen muslimische Frauen, sie trügen den Nikab freiwillig, niemand zwinge sie dazu.

Ich glaube diesen Frauen. Aber welche Frauen sagen dies? Oft sind das europäische Konvertierte oder westliche Musliminnen, die die Religion wiederentdeckt haben. Diese wenden sich einer fundamentalistischen Lesart des Islam zu. Der Normalfall sieht aber anders aus. Frauen aus muslimischen Ländern tragen die Vollverschleierung oft, weil sie fälschlicherweise glauben, es handle sich um ein religiöses Gebot. Dem ist aber nicht so. Oder weil dies die einzige Möglichkeit ist für sie, das Haus zu verlassen. Und oft sind sie gezwungen, sie zu tragen. Soziale Kontrolle und patriarchalische Strukturen spielen hier eine grosse Rolle.

Haben Sie mit verschleierten Frauen gesprochen?

Mit sehr vielen, ich habe ja in mehreren muslimischen Ländern gelebt und geforscht. Zum Beispiel war ich zwei Jahre lang Assistentin an einer Universität im Jemen. Weit über die Hälfte der Studentinnen war verschleiert – keine sagte mir, sie trage den Schleier freiwillig, ausser die paar wenigen Anhängerinnen der sunnitischen Islamistischen Partei. Diese arbeiteten oft genau wie ihre männlichen Kollegen als Missionare für ihre religiöse Ideologie.

Zeichnet eine freie Gesellschaft nicht gerade aus, dass sie auch Dinge zulässt, die einem zutiefst missfallen?

Ich sehe den Punkt. Deshalb ist mir der Entscheid auch nicht leichtgefallen. Aber die Schweiz ist keine Insel. An gewissen Orten haben wir bereits Probleme mit dem politischen Islam, vor allem in der Romandie. Die Initiative wäre überflüssig, würden wir endlich die wichtigen Fragen angehen: Wie gehen wir mit dem Religionsunterricht in Moscheen um, der eine verpolitisierte Form des Islam verbreitet? Wie kontrollieren wir die Ausbildung von Imamen? Wie unterbinden wir die Geldflüsse aus Golfstaaten und der Türkei an radikale Moscheen und Kulturzentren in der Schweiz? Um ehrlich zu sein, wäre mir eine Diskussion über diese wichtigen Themen lieber gewesen als diese Initiative.

In der Vergangenheit sprachen Sie sich auch schon für ein Kopftuchverbot an Schulen aus.

Ja, für Mädchen, bis sie religiös mündig sind. Kinder sollten kein Kopftuch tragen müssen! Schulen können und müssen diesbezüglich klare Regeln setzen, das wäre noch wesentlich wichtiger als das Verhüllungsverbot. Denn da geht es nicht nur darum, ein Zeichen zu setzen, sondern um das Wohl von Kindern.

In Frankreich und Österreich gibt es bereits ein Verhüllungsverbot, ebenso im Tessin und in St. Gallen. Wie sind die Erfahrungen?

Probleme gibt es wenige damit. Aus dem Tessin und Österreich wissen wir auch: Touristinnen, die es betreffen würde, sind sogar glücklich über das Verbot.

Von linker und feministischer Seite gibt es keine Unterstützung für die Initiative. Sie warben bei den SP-Frauen für das Anliegen – diese lehnten das Begehren trotzdem einstimmig ab.

Es stimmt nicht ganz, dass ich keine Unterstützung erhalte. Vor einem Monat habe ich mit einigen linken Frauen und Männern aus der Westschweiz ein Manifest für ein Verhüllungsverbot aus feministischer Sicht unterschrieben. Diese Initiative wurde von Benoît Gaillard, SP-Gemeinderatsmitglied in Lausanne, lanciert. Die meisten Feministinnen haben aber tatsächlich eine andere Position. Sie haben Angst, als fremdenfeindlich zu gelten. Ich verstehe diese Bedenken. Aber die sollte man überwinden. Selbst der Imam Hoxhë Memeti vom Haus der Religionen in Bern unterstützt das Verhüllungsverbot und unterschrieb das Manifest.

Es scheint schon fast normal zu sein, dass Frauenrechtlerinnen beide Augen zudrücken, wenn es um den Islam geht.

Für mich ist es eine Art von Rassismus, wenn man bezüglich Menschenrechten von einer Gruppe nicht dasselbe einfordert wie von anderen und dies kulturell oder religiös begründet. Als Feministin ist für mich klar: Man muss genauso gegen den Islamismus ankämpfen wie gegen den Rechtsextremismus. Und zwar mit aller Klarheit.

Dieser Beitrag erschien zuerst in ungekürzter Form in der Sonntagszeitung.

 

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Berner Imam Mustafa Memeti für Verhüllungsverbot

Die Burka sei ein uraltes Phänomen, «das in unserer modernen und innovativen Gesellschaft keinen Platz hat», sagte Imam Mustafa Memeti in einen am Dienstag publizierten Interview mit der Zeitung «Der Bund». Die Burka-Initiative unterstütze er nicht direkt, betonte Memeti. «Unsere Ansichten sind denen der Initianten diametral entgegengesetzt». Er habe ein linkes Manifest gegen die Vollverschleierung unterzeichnet. Dieses konzentriere sich auf die Gleichheit und Emanzipation der muslimischen Frauen. Die Burka verhindere jedoch diese Emanzipation.
«Die Initiative ist so etwas wie ein Rettungspaket für sie.» Auch bei einem Burka-Verbot könnten Ultrakonservative ihre Haltung immer noch leben. «Aber die Burka schottet ihre Trägerin total ab.» (sda)


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5. Februar 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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