Foto: Sebastian Schafer

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Volksfrömmigkeit, die -

Die Kanareninsel Lanzarote ist eine Anhäufung erkalteten Magmas und übersät von über hundert erloschenen Vulkankegeln, kahl und öde, ein wahrhaft gottverlassener Flecken Erde – möchte man meinen.

1730–1736 spien die zahlreichen Vulkane Asche und Lava aus und begruben drei Viertel des Landes unter sich. Zahlreiche Dörfer wurden begraben und ein Grossteil der Vegetation vernichtet – ein Dorf namens Mancha Blanca aber, obwohl ausgerechnet am Fusse der «Feuerberge» gelegen, wurde auf wundersame Weise verschont.
Bis heute führen die Lanzaroten das Wunder auf die Gnade der Schutzheiligen der Insel zurück. Die «Virgine de Los Dolores» habe ihren Mantel über Mancha Blanca gelegt, heisst es.

Am 16. April 1736 zogen die Einwohner des Dorfes mit einer Statue der Muttergottes todesmutig dem brennenden Lavastrom entgegen, der sich auf die Siedlung zuwälzte – und dieser blieb stehen und erstarrte.

Wenn man von Volksfrömmigkeit spricht, meint man solche sichtbaren Ausdrücke des Glaubens von einfachen Menschen. Zwar nicht theologisch legitimiert, meistens aber trotzdem geduldet – solange sie sich nicht zu weit von der offiziellen Lehre entfernen.
Charakteristisch für die Volksfrömmigkeit ist die Vermischung von alter und neuer Religion: Bruchstücke der Naturreligion der Altkanarier beispielsweise wurden vermischt mit der Marienverehrung des Katholizismus.

Nichts anderes ist auch in der Schweiz zu beobachten: Man nehme nur mal die zahlreichen Flursegnungen oder Frühjahrsprozessionen, welche alte Fruchtbarkeitsrituale erahnen lassen. Oder das von der Kirche kritischer gesehene «le secret» der Westschweizer: Menschen, die mit alten Segensformeln «gesundbeten».

Volksfrömmigkeit ist die charakteristische Religiosität einer Volksgruppe – manchmal kurios, manchmal sehr weise, immer pflegenswert. Einmal im Jahr tragen die Lanzaroten ihre Muttergottes in einer Prozession herum. In der Hoffnung, sie möge sie auch in Zukunft vor den Vulkanen schützen.

Sebastian Schafer (weilt momentan in den Ferien auf der erwähnten Insel)


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21. Februar 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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