Nadja Gubser, 1973, hat freie Kunst studiert, ist Mutter des 14-jährigen Jan, arbeitet als Jugendarbeiterin und macht Tonaufnahmen bei Filmen.

Vom verlorenen Schaf

Der gesuchte Text
Einen Artikel über eine Bibelstelle schreiben, das ist schwierig, denke ich, ich kenne die Bibel gar nicht gut. Und dann finde ich, es ist doch leicht, weil ich mich an Texte erinnere, die mir gefallen. Als ich diese aber in der Bibel suchen will, zeigt sich: Sie stammen überhaupt nicht von da her.
Ein Text ist das Gedicht "Deine Kinder sind nicht deine Kinder" von Khalil Gibran. Ein zweiter ist die Geschichte von den Senfkörnern, die die traurige Mutter eines toten Kindes in den Häusern sammeln sollte, in denen noch nie jemand gestorben war, damit – nicht Jesus – sondern der Buddha, ihr Kind wieder zum Leben erwecken könne. Ach so. Und zu dumm – was machte mich nur glauben, dass diese Worte aus der Bibel wären?
Und dann finde ich es doch gut, dass ich sie da hineingedacht habe. Jetzt muss ich aber doch einen richtigen Bibeltext heraussuchen, also schlage ich das Buch auf um die richtigen Worte zu finden. Klein und verschlossen stehen die Buchstaben. Ich bin beunruhigt, ob mich etwas ansprechen wird.

Der gefundene Text
Aber dann finde ich bei Matthäus: Ein verlorenes Schaf. Das Schaf ist ein Kleines, ein Kind, ein Mensch, ein Geschöpf und wieder ein Schaf. Ist es aus Eigenwille verloren gegangen oder aus Selbstvergessenheit? Aus Intelligenz oder Dummheit? Aus Initiative oder aus Faulheit? Ist es fortgegangen oder zurückgeblieben? Egal. Ich liebe dieses Schaf sofort und schäme mich dann aber, weil das irgendwie so unfair ist den anderen Schafen gegenüber. Doch bestimmt geht jedes von denen einmal verloren? Und dann kriegt es einfach besonders viel Liebe. Jesus‘ Rede ist schafwollig weich, lebendig warm, göttlich menschlich und einfach herzig. Und was meint ihr?

30. Juni 2011