Keine Friedensdemo, sondern Protest gegen die Corona-Massnahmen in Bern. Foto: Keystone, Peter Schneider

Von Corona-Skepsis und falschen Prophet*innen

Beim Sprechen über Corona scheiden sich die Geister: von Floskeln und Weisheiten über Forderungen und Dogmen bis hin zu Philosophien und Prophezeiungen.

Ein Meinungsbeitrag von Sebastian Schafer

Denken Sie kritisch. Hinterfragen Sie Gelerntes! Vertrauen Sie Autoritäten nicht blindlings, begegnen Sie Ihren Mitmenschen aus einer Haltung der Liebe und haben Sie einfach keine Angst. Würden Sie diesen Weisheiten zustimmen? Ich nehme es doch an. Das ist verständlich, denn sie sind ebenso ansprechend wie banal. Kritisch zu denken, gesellschaftliche Normen zu hinterfragen – wer würde diese Aufforderungen nicht intuitiv bejahen? Gleichzeitig sind sie völlig nichtssagend: Wir gehorchen ständig bestimmten Regeln, das ist auch gut so, und ständig brechen wir andere – wann nun das eine sinnvoll ist und wann das andere, das ist der entscheidende Faktor.

Religiöse Sprache

Die zu Beginn formulierten Floskeln habe ich der coronaskeptischen Szene geklaut. Sie werden pausenlos wiederholt, in allen möglichen Variationen, auf allen möglichen Kanälen. Zwei Dinge fallen an ihnen auf: Sie sind einerseits hoch emotionalisiert und moralisiert, andererseits der christlichen Prophetie nicht unähnlich.

Wer sich ein wenig in coronaskeptische Diskurse eingelesen hat, muss feststellen, dass die Begriffe, welche die Anliegen prägen, hochgradig ethisch aufgeladen sind: Liebe, Freiheit, Autoritätskritik und Menschenrechte, um nur einige zu nennen, sind solche Konzepte, auf welche sich die coronaskeptische Szene ausnahmslos beruft. Gerade esoterische Strömungen sind stark geprägt vom Streben nach einer «angstfreien» und «von Liebe geprägten» Gesellschaft, welche sich nicht mehr von Interessen der Märkte und «der Politik» im Allgemeinen klein halten lässt.

Ist die Forderung, eine Gesellschaft an solchen Begriffen entlang auszurichten, falsch? Nein. Sie erinnert sogar an bestimmte prophetische Texte der Bibel. An den Propheten Amos beispielsweise, welcher mit scharfen Worten sehr ähnliche Kritik formuliert. Um aber eine Unterscheidung zu machen, muss verstanden werden, was prophetische Äusserungen genau ausmacht. Gemeinhin wird Prophetie gleichgesetzt mit Prophezeiung.

Prophetie?

Die christliche Prophetie ist aber mehr. Sie sagt in erster Linie nicht zukünftige Ereignisse voraus, sondern weist auf momentanes Unrecht hin – auf Ausbeutung und soziale Ungerechtigkeit. Christliche Aktivisten nehmen diese Tradition bis heute ernst – schwarze Theologen der USA beispielsweise, die sich an Martin L. Kings Lebensweise orientieren.

Wer den Coronaskeptiker*innen zuhört – wirklich zuhört – entdeckt berechtigtes Unwohlsein. In Maskenwiderstand und Staatsskepsis gegossen zeigen sich Sorgen und Ängste, die äusserst berechtigt sind. Ängste gegenüber einer desozialisierten Gesellschaft, in welcher in Krisensituationen die Profite von Konzernen und Bonzen als Erste gerettet werden, in welcher Gewinne vor der Gesundheit der Menschen stehen, in welcher uns Konsum als Sinn verkauft wird und psychische Erkrankungen grassieren – in welcher eine Kultur der Mauern entstanden ist, Mauern im Herzen und Mauern auf der Erde, wie es Papst Franziskus in «Fratelli tutti» ausdrückt. Wobei bestimmte rechtsextreme Strömungen, die es jedoch auch vor der Corona-Skepsis gab, in ihrem Hass genau diese Mauern wiederum zementieren.

Sündenböcke werden konstruiert

Ängste und berechtigte Sorgen wollen artikuliert werden – und die Corona-Demagog*innen tun genau das, aber mit vagen Anschuldigungen und Forderungen, welche Spielraum für jegliche Interpretationen und somit eine Projektionsfläche für alle Ängste bieten.

Sie betreiben falsche Prophetie, haben simple Lösungen für komplexe Probleme, sie instrumentalisieren die berechtigte Wut der Menschen und lenken sie weg von den tatsächlichen Ursachen, auf Strohmänner und Sündenböcke. Die Leerstellen, welche die zu Beginn formulierten Äusserungen prägen, disqualifizieren ihre Kritik als inhaltsleere Wutreden und ihre Visionen als schale Wohlfühlphilosophie.

Berechtigte Ängste, aber ...

Prophetie ist relevant, wenn sie konkret ist. Wenn sie genau benennt, wo das Unrecht stattfindet. Sie ist dagegen populistische Instrumentalisierung von Leid und Wut, wenn sie Sündenböcke erfindet. Die fatale Verschiebung der Gründe für die berechtigten Ängste und Sorgen der Corona-Skeptiker*innen, weg von strukturellen Problemen, hin zu unspezifischen Verschwörungen, unterfüttert mit antisemitischen oder rassistischen Theorien, ist das Problem, das es anzugehen gilt.

Papst Franziskus spricht in «Fratelli tutti» von der sozialen Liebe – der Option, hinter die Fassade der Wut und des Hasses von Leuten wie den Corona-Skeptiker*innen zu sehen und die gleichen Sorgen und Ängste zu finden, welche auch uns lähmen. Schaffen wir das, sehen wir desillusionierte, von der kapitalistischen Leistungs- und Konsumgesellschaft abgestumpfte Menschen, deren Angst und Zorn instrumentalisiert werden.

Wenn wir das Liebesgebot Jesu ernst nehmen, müssen wir genau diesen Menschen respektvoll begegnen. Ihre Angst ernstnehmen, ihren Hass kompromisslos zurückweisen – und eine Alternative bieten.

2. August 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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