Wer weiss, was an Weihnachten gefeiert wird? Wie vermittelt man diese uralten Geschichten, damit etwas in Erinnerung bleibt? Sinn jedenfalls entsteht nicht im Kopf, Sinn muss mit Leib und Seele erfahren werden. Foto: estherm / photocase.de

Von Weihnachten nicht nur reden oder: «Wie kommt Gott in unsere Herzen?»

Alljährlich zu den grossen christlichen Festen spriessen sie aus dem Boden, wie Pilze nach dem Regen: Die Umfragen zu den Hintergründen und Bedeutungen der bevorstehenden Festivitäten. Viele wissen keine Antworten. Hat also der Religionsunterricht versagt?


«Weshalb feiern wir Weihnachten?», wird gefragt und zunehmend bekommen wir auf diese Frage ein verlegenes Lächeln oder ein Schulterzucken zur Antwort. Klären wir dann auf und stellen fest, dass wir uns an Weihnachten an die Geburt Jesu Christi vor gut 2000 Jahren erinnern, können die wenigsten dem einen tieferen Sinn für ihr eigenes Leben abgewinnen.
Haben wir also aus religionspädagogischer Sicht versagt? Wieso ist es uns offensichtlich so wenig gelungen, weiterzutragen, was uns an Weihnachten wirklich bewegt und weshalb es «sinnvoll» ist, sich der Geburt dieses Kindes im Stall von Bethlehem zu erinnern?

Die Rostocker Religionspädagogin Anna-Katharina Szagun hat sich in verschiedenen Studien mit der Frage beschäftigt: «Wie kommt Gott in Kinderköpfe?» Dabei hat sie gezeigt, dass zwei Aspekte massgeblich sind dafür, ob und wie wir eine Vorstellung von – und damit allenfalls auch eine Beziehung zu – Gott aufbauen können: Zum einen ist die Art unseres Sprechens entscheidend. Verwendete Begriffe müssen im Gegenüber den gemeinten Sinngehalt hervorrufen, sonst reden wir aneinander vorbei. Zum anderen beeinflussen Erfahrungen, die Menschen im Hier und Jetzt ihres Lebens machen, unsere Bilder von Gott und damit auch unsere Beziehung zu ihm oder ihr.

Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, wie der Sinngehalt von Weihnachten gelehrt und gelernt werden kann, lassen sich aus den Erkenntnissen von Anna Katharina Szagun vielleicht zwei Schlüsse ziehen.
Geschichten wirken grundsätzlich aus sich selber. Werden wir also nicht müde, die Weihnachtsgeschichte Jahr für Jahr zu erzählen, zu lesen, nachzuspielen … Seien wir uns jedoch des «garstigen Grabens» bewusst, der zwischen den Realitäten im fernen Israel vor 2000 Jahren und unserem Erleben liegt, und wagen wir hin und wieder den Versuch einer Aktualisierung.

Das Weihnachtsspiel «Hündchen muss zuhause bleiben», das dieses Jahr in Bümpliz aufgeführt wird, scheint mir ein schönes Beispiel dafür zu sein. Doch bei all der Achtsamkeit, die unser Reden und unser Erzählen von Gott verdient: Reden alleine genügt nicht. Das, was wir sprachlich weiterzugeben versuchen, braucht zwingend auch Erfahrungsräume, die erlebbar und spürbar werden lassen, wovon wir sprechen. Sinn entsteht nicht im Kopf. Sinn muss ich mit Leib und Seele erfahren.

An Weihnachten liegt in diesem kleinen, halb nackt und schutzlos dargestellten Kind Gott selber im Stroh. Gott in den Niederungen des menschlichen Lebens. Ja, sogar Gott in den Niederungen meines Lebens. In meinen Sorgen, meinen Unzulänglichkeiten, meinen Brüchen und meinem Versagen, in meiner Kleinheit und Begrenztheit: Da ist Gott bei mir! So die biblische Zusage.

Doch dieser Gott ist eben nicht der allmächtige, allwissende, in die Geschichte eingreifende Gott. Dieser Gott hat nur unsere Hände. Dieser Gott muss «sich ereignen» in Beziehungen, zwischen Menschen, im Getragen- und Gehaltensein, im Füreinander-da-Sein, im Verzeihen, im gemeinsamen Überstehen von Brüchen, im Über-sich-Hinauswachsen, im Überwinden von Grenzen, im Zusammenwachsen … Und dann ist dieser Gott plötzlich ganz Mensch. Angekommen in unseren Herzen und mitten unter uns.

Judith Furrer


Fachstelle Religionspädagogik

20. Dezember 2017
erstellt von «pfarrblatt»
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