pfarrblatt:

News-Artikel

Jonas Widmer hat den neuen Masterstudiengang "Religious Studies/ Interreligiöse Studien" der Theologischen Fakultät (Universität Bern) abgeschlossen. Er ist in Ausbildung zum Gymnasiallehrer in den Fächern Religionslehre und Deutsch.

"Wär heds erfunde?"

Ich schreibe gerne Gedichte, denn sie helfen mir im Alltag zwischen Empfindung und Geist zu vermitteln: einen miesen Tag verarbeiten, Trauer, Wut, Sehnsucht ausdrücken und erstere zwei in Richtung Atmosphäre weisen ..., solche Dinge. Heute habe ich ein Gedicht über persönliche Grenzen geschrieben. Manchmal fühlt es sich so richtig gut an, mit einem Gedicht fertig geworden zu sein, denn es kann bei mir ein Bewusstsein hervorrufen, etwas ungeheuer Originelles geschaffen zu haben.
So auch heute, ... zumindest vorläufig. Vorhin nämlich, als ich mir dessen sicher geworden bin, welche Bibelstelle ich dem Pfarrblatt schicken soll, da ist es eben passiert: Bewusstsein "Siehe oben" war verschwunden, und zwar weil der Apostel Paulus alles schon gesagt hat ... so à la: Wär heds erfunde? Obwohl dies etwas merkwürdig sein mag, möchte ich jetzt das eigene Gedicht interpretieren, und zwar damit man meine unbewussten intertextuellen Bezüge verstehen kann.
Der Text könnte suggerieren, dass wir Menschen im Geist und im Raum Gitter oder Mauern aufbauen, damit unsere persönliche Welt überschaubar und sicher bleibt. Er legt nahe, dass sich die Fläche, die von Grenzen eingeschlossen ist, ständig verändert. Und jetzt kommt eben die Liebe ins Spiel: Ist sie ausfüllend, dann könnte sich die Fläche weiten und der Protagonist wagt einen Ausflug oder eine Reise jenseits ... Ist sie verkümmert, dann wird die Fläche klein, der Protagonist verbringt seine Zeit vornehmlich damit, sich um die Mauern zu kümmern. Der Apostel Paulus hat in seinem Korintherbrief die Liebe wunderbar in Worte gekleidet. Lese ich seine christliche Philosophie mit der Frage nach Liebe und Grenzen auf den Lippen, dann steht bei Paulus kurz und prägnant: "[...] sie sucht nicht das Ihre." Es war dies, was ich ausdrücken wollte. So einfach ist es. Nun ja, besonders originell war ich nicht, kreativ hoffentlich schon. Zudem habe ich auch noch den mir so wichtigen Text auslegen können.

 

15. Juni 2011