Ein frisch gefertigter Helm für die Päpstliche Schweizergarde. Georg Schmidberger steht neben einem lodernden Feuer in seiner Werkstatt im österreichischen Molln. Der junge Schmied verbindet uraltes Handwerk mit Formen, Methoden und Werkzeugen von heute. Foto: kna

Wandel und Kontinuität

Die Kirche erfahren nicht wenige Menschen unserer Zeit als starr und unbeweglich. Sie kommt ihnen wie ein unbeweglicher Monolith aus vergangenen Zeiten entgegen. Andere finden gerade in dieser Unveränderlichkeit Halt und verankern sich fest darin. Was den ersten als Ärgernis und Weltfremden aus fernster Vergangenheit entgegenkommt, ist für andere der Garant, dass in turbulenten, sich alles verändernden Umweltbedingungen wenigstens etwas fest bleibt. Die dazu verwendeten Bilder in Kirchenliedern erscheinen widersprüchlich; sie sind aber auch sich korrigierend und ergänzend.

Anfang Mai war ich einmal mehr zur Vereidigung der neuen Schweizergardisten in Rom. In Bildern wird diese Stadt oft mit dem Pantheon, dem Kolosseum oder der Kuppel des Petersdoms dargestellt. Zeugen von unvergleichlicher Baukunst und künstlerischen Fertigkeiten aus den verschiedensten Epochen. Gleichzeitig scheinen sie Zeugen aus der Vergangenheit zu sein, welche unbeeindruckt von den Veränderungen und dem raschen Wandel der Gegenwart für eine längst entschwundene Vergangenheit stehen. Und doch ziehen sie auch heute noch Hunderttausende an.

Die Feierlichkeiten und Zeremonien der Vereidigung scheinen aus dem Mittelalter zu stammen, und doch stecken in den Uniformen und unter den Harnischen junge Schweizer Männer, welche sich für mindestens zwei Jahre in den Dienst der Kirche und des Papstes verpflichten. Ein Überbleibsel aus der Vergangenheit? – Mitnichten. Denn vieles hat sich in den Abläufen und Sicherheitsmassnahmen verändert – es ist viel mehr als nur eine Hellebarde, die Sicherheit und Ordnung herzustellen hilft. Der Auftrag ist derselbe seit mehreren Jahrhunderten, die Form hat sich gewandelt.

In diesen Tagen habe ich auch eine Gruppe durch den Vatikan geführt. Einer der Programmpunkte waren die Scavi, die Ausgrabungen unter dem Petersdom. Man steigt gewissermassen in den Untergrund, auf das damalige Niveau der Stadt; 8 bis 10 Meter unter den Petersdom, und steht staunend vor einer antiken römischen Totenstadt, welche in den Vierziger-Jahren des 20. Jahrhunderts ausgegraben wurde. Am Ende der Ausgrabungen wird man zu einem Feld geführt, auf welchem mit der allergrössten archäologischen Wahrscheinlichkeit das ursprüngliche Grab von Petrus war, das seit den Anfängen einer christlichen Gemeinde in Rom verehrt wurde. Dieses findet sich in einer vertikalen Linie unter dem Baldachin von Bernini und der von Michelangelo entworfenen Kuppel des Petersdoms. Eine riesige Kirche als Nachfolgerin eines einfachen Grabes steht am selben Ort.


Von einem einfachen, mit Ziegeln gedeckten Erdgrab zur grössten Kirche der Christenheit. Archäologisch und baugeschichtlich absolut faszinierend und Schritt für Schritt nachvollziehbar und mit eigenen Augen zu sehen. – Das Gleiche geblieben und doch ganz anders. Zeuge einer längst vergangenen Wirklichkeit und doch bis in die Gegenwart sichtbar und faszinierend. Für mich ein sprechendes und starkes Bild für Pfingsten. Wandel und gleichzeitig Kontinuität.

Pfingsten ist jenes Fest, das sich im Leben der Kirche und der Menschen noch schwerer tut als Weihnachten und Ostern. Es wird der Geburtstag der Kirche gefeiert, die dynamische Kraft Gottes, jenes inspirierende Moment, welches jeder und jedem von uns zugesagt ist. Diese «ruach» Gottes soll uns antreiben in unserem täglichen Leben als Christinnen und Christen. Wir vertrauen darauf, dass der Heilige Geist uns und die Kirche begleitet, sie verändert und doch diejenige bleiben lässt, welche das Evangelium verkündet und die Sakramente feiert. Sich verändern und doch die Gleiche bleiben. Wandel und Kontinuität.

Pfingsten ist für mich darum das Gedenken, das Feiern und das Hoffen einer doppelten Wirklichkeit. Das Bewahrende und Feste, genauso wie sich Verändernde und immer wieder sich neu Schaffende. Wo das eine über das andere obsiegt und es erdrückt, erstarrt eine geschichtliche Tradition oder es wird die Verbindung zum Ursprung abgeschnitten. Als einzelne Menschen und als Gemeinschaft brauchen wir aber beides: Dynamik, aber auch Festigkeit. Unveränderlichkeit und Aufbruch. Treue zum Ursprung und der Zeit gemäss. – Was wie ein Spagat erscheint, ist das Wesen der Kirche, und diesem Auftrag ist sie und sind wir alle verpflichtet. Tragen wir Sorge dazu und lassen wir uns von Gottes Geist darin bestärken und dazu bewegen.

Ruedi Heim, leitender Priester Pastoralraum Region Bern

 

 

18. Mai 2018
erstellt von «pfarrblatt»
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