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Wann beginnt der Rest des Lebens?

Mit zehn sagt ein Mädchen: «Als ich noch klein war …» Mit zwanzig sagt ein Jugendlicher: «Jetzt geht’s richtig los!» Résumés und Ausblicke: Wir machen sie auch als Erwachsene immer wieder. Manchmal stellen sie sich fast von alleine ein. Was habe ich bisher erlebt, getan, vertan, erreicht? Und: Was will ich noch? Was wünsche ich mir? Was davon ist möglich – und was nicht?

Mit Schläuchen in der Nase und in den Blutbahnen treten solche Fragen zurück. Überleben steht jetzt im Zentrum. Grundsätzlich. Notgedrungen. – Trotzdem stellen sich auch hier ganz grundsätzliche Fragen: Wie lange dauert jetzt der Rest des Lebens? Welche Qualität hat er? Macht es Sinn, dafür zu kämpfen und zu leiden? Wann sagt jemand «stopp» – und was für Möglichkeiten gibt es dann? Was geschieht mit uns, wenn die Tatsache unserer Endlichkeit greifbar wird, auftaucht aus einem nebulösen Irgendwann und langsam Gestalt annimmt? Wie lange ist er, der Rest unseres Lebens?

Ein Patient hat sich entschieden. Selbstbestimmt. Nach vielen Gesprächen mit Ärzten, Pflegenden, mit nahestehenden, ihm wichtigen Personen. Vor diesem Hintergrund, nach wochenlangem Ringen konnte er sich entscheiden und äussern. Keine Therapien mehr, keine Schmerzen mehr. Das Ende rückte sprunghaft näher und damit auch die Frage: Was möchte ich noch, jetzt noch, mit meinem verbleibenden Lebensrest? Gestern brach er auf zu einem letzten Ausflug in die Berge, die er so sehr liebte, mit seinen liebsten Menschen. Das Spital gab ihm Urlaub. Die Reise wurde genau geplant. Die Vorfreude war riesig. Ruhig und zufrieden hatte er sich von mir verabschiedet. Mit einem Strahlen in den Augen.

Nadja Zereik

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

 

 

8. Juli 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 15
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