Nächstenliebe total: Dramatische Szenen an der Küste der griechischen Insel Lesbos. Eine syrische Frau wird in letzter Sekunde gerettet, nachdem das völlig überfüllte Holzboot in den Fluten versank. Für dutzende Menschen kam an diesem 1. Oktober jede Hilfe zu spät. Foto: Reuters, Dimitris Michalakis

Was dient dem Menschen?

«Was mich bewegt» – eine Kolumne aus der Bistumsleitung, dieses Mal von Weihbischof Denis Theurillat.

Ein zukünftiger Ständiger Diakon stellte vor geraumer Zeit die Frage im Titel dieses Beitrages, die mich seither beschäftigt. Sie ist und bleibt aktuell.
Also habe ich verschiedenen Personen in meinem Umfeld diese Frage gestellt. Die erste Antwort lautete: «Die Liebe.» Diese Antwort erschien mir wie ein Strahlenbündel. Freilich kann mit einer solchen Antwort gerechnet werden. Gleichzeitig ist es aber eine besondere Antwort, denn tatsächlich drückt dieser Begriff den grössten Wert des Lebens aus, ein Begriff, der alles ändert oder ändern kann. Auch wenn es manchmal schwierig ist, an diese Liebe zu glauben, ist sie dennoch im menschlichen Leben, einem von Gott geschaffenen Leben, verankert. Sie ist lebendig wie eine verzehrende Flamme und fordert den Menschen, der zu oft mit Dominanz, mit Kraft und Gewalt beherrschen will, heraus. Die Liebe, das ist Gott in seiner intimsten Form im menschlichen Leben. Also?
Also dient die Liebe dem Menschen. Sie ist es doch, die immer mehr in uns erwacht angesichts des sich täglich uns präsentierenden Flüchtlingsdramas. Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen und bis zu uns kommen. Es ist doch unmöglich, dass ein liebendes Herz nicht alles daran setzt, die solcherart geprüften Menschen in ihrer Verzweiflung zu retten. Es sind dies Momente, in denen der Mensch nicht mehr unberührt bleiben kann angesichts der unerträglichen Szenen, wie beispielsweise das Bild des kleinen toten Aylan am Strand irgendwo in der Türkei!
Es gibt Situationen, in denen die Liebe alle Gesetze sprengen kann, so unerbittlich sie auch sein mögen. Auch wenn es scheint, dass der Weltenlauf uns das Gegenteil zeigt, gibt es Momente, in denen die Liebe obsiegt. So sollte es immer sein!
Die Antwort auf diese Frage hat in mir ein neues Bewusstsein über das Wesen der Liebe geschaffen. Dieser Prozess arbeitete schon in mir, aber war ich mir dessen genügend bewusst? Wir Menschen produzieren oft Gesetze und meinen, damit alle Fragen beantworten, alle Probleme lösen und alles organisieren zu können. Wir denken, dass wir damit im Namen der Liebe handeln. Jedoch: Handelt es sich tatsächlich um eine liebende Geste oder nicht viel eher darum, uns ein gutes Gewissen zu verschaffen? Ich bin sicher, dass die Umkehr immer mehr und immer häufiger stattfinden muss. Wir sind in erster Linie Menschen, die aufgerufen sind, die Liebe, die in uns wohnt, ausstrahlen zu lassen, damit die Umsetzung der Gesetze im Geiste der Liebe erfolgt. Die Liebe kommt immer an erster Stelle! Genau das ist für mich die Botschaft des Flüchtlingsdramas.
Es ist die Revolution des Evangeliums. Es ist genau das, was Jesus überall dort, wo er war, gesagt und manchmal auch hinausgeschrien hat. Hören wir seine Stimme, wie wenn sie heute zu uns spräche. «Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allen Kräften und von ganzem Gemüt, und deinen Nächsten wie dich selbst» (Lk 10,27).
Deshalb hat der zukünftige Ständige Diakon zusammen mit seinen drei Kollegen als Motto für die Weihe diesen beachtenswerten biblischen Vers gewählt. «Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan» (Mk 25,40).
Was dient dem Menschen? Die Liebe! Ich danke dem zukünftigen Ständigen Diakon für diese seine Frage. Er wurde zusammen mit seinen Kollegen am 4. Oktober in der Kathedrale zu Solothurn – am Fest des heiligen Franz von Assisi – geweiht. Franz von Assisi, der einen Leprakranken geküsst hat.

+ Denis Theurillat Weihbischof des Bistums Basel

Vor der Krippe ist man mit allen verbunden, die in aller Welt verstreut sind, und auch über alle Welt hinaus. Das ist ein trostvolles Geheimnis.
Edith Stein

1. Dezember 2015
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