Handbemalte Krippenfiguren (Santons) einer Familienkrippe. Foto: Niklaus Baschung

WEIHNACHTEN MIT EINEM HORNOCHSEN

DIESMAL SOLL ES ABER EINE SUPER WEIHNACHTSGESCHICHTE WERDEN. DAS HAT ER SICH VORGENOMMEN.

Nicht wie letztes Jahr, als seine Tochter ihm drohte, wenn er ihren Kindern noch einmal von solchen Dingen berichten würde, dann erhalte er an Weihnachten ein lebenslängliches Erzählverbot. Von einem richtigen Grossvater erwarte sie etwas Aufbauendes und keine Schauergeschichten, welche seine Enkel in tiefste Traurigkeit stürzten.

Dabei hatte er letztes Jahr nur gedacht, seine beiden Enkel seien dieser ewig gleichen Story um Maria und Josef, den Hirten und den Engeln sicher langsam überdrüssig. Für ein fünf- und siebenjähriges Kind könne man den Inhalt doch mal aktualisieren und in die heutige Zeit versetzen. So hat er aus der Heiligen Familie eine Eisbärenfamilie gemacht, welcher wegen der Erderwärmung das ganze schöne Eis unter ihrem Hintern davon geschmolzen ist. Sie musste sich deshalb aufmachen, um ein neues, sicheres Zuhause zu finden. Unterwegs trafen die Eisbären auf Seehundebabys, die von mit Pickeln bewaffneten Jägern verfolgt wurden, um ihnen die Köpfe einzuschlagen und dann das schöne, weisse, flauschige Fell abzuziehen.

Die Eisbärenfamilie nahm deshalb alle Seehundebabys unter ihre Obhut. Gemeinsam begegneten sie einem grossen Blauwal, der sie auf seinem Rücken in ein geheimes, wunderschönes Land führte, wo alle Menschen und Tiere friedlich miteinander lebten. Dort wurde dann ein glücklicher, herziger Eisbärenjunge geboren. Und alle Kinder und Grosseltern besuchten den Eisbärenjungen und freuten sich mit ihm.

Vielleicht hätte er nicht noch erwähnen sollen, dass der Blauwal anschliessend von japanischen Fischern zu Lebertran verarbeitet wurde. Aber so ist das richtige Leben: Es gibt beim Geschichtenerzählen Hochs und Tiefs.

"Was fällt dir eigentlich ein, eine solch unlogische Geschichte zu erzählen", war seine Tochter während dem Geschirrabräumen des Weihnachtsmahls immer noch entsetzt. "Weshalb denn unlogisch?" "Seehundebabys werden von Eisbären bestenfalls gefressen und nicht in ein schönes Land geführt."

"Ich wollte deine Kinder halt vor solchen detaillierten Grausamkeiten verschonen. Aber gut, ich kann die Geschichte das nächste Mal mit einer Wolfsfamilie erzählen, die in die Schweiz einwandern will. Mal schauen, ob dies dann besser herauskommt" "Unterstehe dich." "Nichts mit Wölfen?" "Überhaupt nichts mit Tieren! Höchstens mit einem Esel und einem Hornochsen wie dich."

Daher überlegt er sich nun, wie er denn mit so einem Esel und Hornochsen wie ihn eine Weihnachtsgeschichte gestalten könnte. Das ergreifendste Erlebnis in seinem Leben ist die Geburt seiner Tochter gewesen, mit welcher er aber seit ihrer Pubertät im Dauerclinch steht. Er mag sie trotzdem. Respekt, wie sie das als Alleinerziehende mit zwei Kindern schafft. Vielleicht könnte er an Weihnachten von ihrer Geburt erzählen, als er Tränen in den Augen hatte vor Freude. Wie sie dann lange bangen mussten, ob der Winzling überhaupt die ersten Wochen überlebt. Wie er heute noch bangt, dass es ihr gut geht. Mittlerweile gehört das Bangen zu seinem zusätzlichen Charakterzug. Aber als Weihnachtsgeschichte mag er dies nicht erzählen.

"Vielleicht mache ich aus der Maria einfach eine alleinerziehende Mutter und aus Josef einen sich sorgenden Tunichtsgut." Aber das findet er auch wieder zu plump. Nein, er will die Weihnachtsgeschichte diesmal genau so erzählen, wie sie überliefert ist, mit dem ganzen traditionellen Inventar halt. Den Esel und den Hornochsen wird er aber noch mit einem Huhn, einer Gans, einer Kuh, einem Schaf und einem Kamel ergänzen. Damit seine ganze Familie in der Geschichte vollzählig präsent ist und die Tochter sich wieder aufregen kann nach dem Weihnachtsessen.

Das ist nämlich das absolut Schönste an Weihnachten: diese angeregten Gespräche mit seiner Tochter - beim gemeinsamen Geschirrabwaschen.

Niklaus Baschung

Kolumne aus dem Buch „Freundlichkeit ist ansteckend“.

Siehe: www.niklaus-baschung.ch

 

 

9. Dezember 2020
erstellt von angelus
  • Pfarrblatt / Angelus