Foto: zVg

Weitsicht

Es ist Ferienzeit und vielleicht haben Sie auf Ihrer Reise, die Sie gemacht haben, einen Leuchtturm entdeckt.

Leuchttürme dienen in der Schifffahrt den Schiffen, um an wichtigen oder gefährlichen Stellen den Weg zu weisen. Man findet Leuchttürme in Hafeneinfahrten und in Küstennähe. Wichtig bei einem Leuchtturm ist, dass man ihn schon aus der Ferne erblickt. Er gibt Orientierung, da man ihn schon von Weitem sehen kann und weiss, wo man sich befindet. Auch in der Nacht weist der Leuchtturm durch sein Licht einen Weg durch die Dunkelheit.

Es gibt auch Menschen, die sind wie Leuchttürme. Zum Beispiel all jene, die sich für Flüchtlinge einsetzen. Oft sind diese ohne Orientierung, weil sie Land, Leute, Traditionen, Abläufe, Rechtssysteme usw. nicht kennen.
Sie versuchen an Land zu kommen, doch die Wellen des Unbekannten sind zu gross, und sie werden immer wieder zurück ins Wasser gezogen. Da kommen die, die sich für sie einsetzen, strecken ihnen die Hand entgegen, damit sie ans Ufer gelangen und somit Fuss fassen können. Es sind auch die Helfer und Helferinnen, die in der Nacht leuchten, um den Menschen, die bei uns Schutz suchen, den Weg aufzuzeigen, den sie gehen können, um eine neue Heimat zu finden.

Ein Leuchtturm ist auch ein Wegweiser im Sturm und weist uns die Richtung. Menschen, die wie Leuchttürme für andere sind, sind oft Stürmen ausgesetzt. Sie werden angefeindet und ihre Hilfsbereitschaft wird von vielen nicht toleriert, manchmal sogar torpediert. Aussprüche, wie «das Boot ist voll», hören sie zu Genüge, und es braucht sehr viel Überzeugung, dass sie selbst nicht untergehen.

Doch ein Leuchtturm ist stark und weitum sichtbar. Zwar leicht gesagt in vielen Situationen, doch Menschen, die sich für andere einsetzen, spüren oftmals in sich eine Kraft, die sie weitergehen und den einmal eingeschlagenen Weg fortsetzen lässt. Ein Leuchtturm gibt Zuversicht und Sicherheit.

Für mich ist Gott auch wie ein Leuchtturm in meinem Leben, und ich denke für viele, die sich für andere einsetzen, auch. Er ist da, er steht da, er ist weit sichtbar, wenn ich ihn mit meinem inneren Auge suche – und er schenkt Zuversicht. Gott kann unser Leuchtturm sein im Leben. Ein Licht, das durch die Dunkelheit und den Nebel scheint, selbst wenn ich es vielleicht nur am Rande des Horizonts als kleines Leuchten wahrnehme, kann ich spüren: Gott ist da.

Er schenkt uns in vielen Situationen die nötige Weitsicht, um den Weg weiterzugehen, er erleuchtet unseren Alltag, damit wir die Stolpersteine besser sehen, und gibt uns die Kraft, auf Menschen zuzugehen, die uns brauchen. Ja, so ein Leuchtturm ist etwas Wunderbares und lädt uns ein – gerade in den Ferien – unseren Blickwinkel neu zu fokussieren, weg von uns, zum anderen. Er lädt uns ein, aufzubrechen, mit neuem Wind im Rücken, mit dem Geist Gottes im Handgepäck. Ich wünsche Ihnen allen nach den Ferien einen guten Start in den Alltag.

Gaby Bachmann, Theologin, Pastoralraum Emmental

21. Juli 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 16
  • Pfarrblatt / Angelus
  • Spirituelles