Wenn die Späne fliegen

«Ich bin tief beeindruckt», sage ich zum Patienten und will wissen, woher er seine Kraft nehme. Ich muss vorausschicken, dass ich den Mann schon viele Male besucht habe. Weder habe ich ihn jemals klagen gehört noch mutlos erlebt. Er sehe stets das Positive, erzählen auch die Pflegenden.

«Sehen Sie», sagte er einst, als ich ins Zimmer kam, «ich kann meine Zehen schon einen Millimeter hin und her bewegen.» Nun hat sich gezeigt, dass die Ärzte dem Patienten nicht mehr helfen können. Eine Infektion zerstört allmählich seine Wirbelkörper. Der Patient ist über seinen Zustand vollumfänglich informiert. Kürzlich bemerkte er beiläufig: «Ich bin nicht sicher, ob ich wieder von diesem Schragen herunterkomme.»

Aber selbst nach der ernüchternden Diagnose behielt er seine Fassung. «Es bringt mir nichts, wenn ich klage», meinte er mit klaren Worten. «Im Gegenteil, es schwächt mich. Immer schön die Brust rausstrecken, das ist wichtig.» Hin und wieder erzählt er vom schweren Unfall, der ihm beinahe das Leben gekostet hat und von der harten Jugendzeit. Im Gegensatz zur Mutter, die ihn verstossen habe, habe der Vater gespürt, dass er Zuwendung brauche und ihn in die Werkstatt mitgenommen. Dort genoss der Knirps viele Freiheiten. Er durfte an der Drehbank seine Geschicklichkeit entdecken. Seine Augen leuchten, die Funken sprühen, die Späne fliegen, wenn er vom Sägen, Feilen und Herstellen verschiedener Werkzeuge erzählt.

Nach Möglichkeit holen wir die Werkbank gedanklich ans Bett. Gelegentlich wird an der Familiengeschichte herumgebastelt. Die Enttäuschung darüber, dass ihn niemand besuchen kommt, hört sich wie ein falsch eingespanntes Sägeblatt an. «Nein», sagt er, «anbiedern tue ich mich nicht, dann bin ich lieber allein. Und die Gespräche mit Ihnen, die tun mir gut.»

Und noch etwas tut dem Patienten gut. Die Kameradschaft mit den Zimmernachbarn. Neulich habe ich sie zu zweit draussen angetroffen. Sie scherzten und munterten sich gegenseitig mit einem «Chunnt scho guet» auf. Und dann gerieten sie ins Phantasieren. «Wir sind am liebsten hier an der frischen Luft. Und wenn die Pflegenden uns vergessen, nein, dann melden wir uns nicht. Wir bleiben hier und rauchen unsere Friedenspfeifen.» – Und schickt, so denke ich, eure Hoffnungen und Wünsche zum Himmel.

Barbara Moser, reformierte Seelsorgerin

Kolumnen der Inselspitalseelsorge im Überblick

 

3. September 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 19
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