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Wie aus einer anderen Welt

Als drittjüngstes von neun Geschwistern ist sie in einer schiefen kleinen Hütte gross geworden. Das Häuschen bestand lediglich aus einem Raum mit der Feuerstelle, in dem selbst die Mutter mit ihrem krummen Rücken – so niedrig war es – den Kopf einziehen musste, und einem zweiten Raum, in dem alle elf Familienmitglieder schliefen und um den Ofen herum assen. Nachts mussten sie sich die Unterlagen teilen, im Winter gaben sie sich gegenseitig warm und husteten sich die Ohren voll, und im Sommer bekamen sie manchmal mehr mit als ihnen lieb war von den anderen warmen Körpern ringsum. Streng wachten die Eltern über Ordnung und Sitte: Wenn eines der Kinder nicht recht tat, musste es halt draussen schlafen, oder der Vater musste gar den Stecken hervornehmen.

«Ja, hüt wurdi mer kener Gusteni me a so unnerbringa», meinte die Patientin in ihrem Seislertütsch, stolz, wie mir schien, und recht zufrieden, dass sie diesen jungen Seelsorger im weissen Hemd zum Staunen bringen konnte. «Wenn ich könnte, würde ich ein Buch schreiben über das, was ich erlebt habe.» Wenigstens einige Worte im «pfarrblatt» bringen, das könnte er, so der Seelsorger. Sie strahlte. Bei einer fast versiegten Quelle unten im Wald mussten die Kinder das Wasser holen gehen; im Winter gabs Schneewasser. Mutter zauberte aus wenig Stoff viele Kleider und noch mehr Flicken, Vater ging jeden Morgen mit dem Velo verschiedenen Baustellen nach, manchmal bis nach Freiburg. Im Herbst, wenn die Bauern das Korn gemäht hatten, schwärmten die neun Kinder aus zum Ährensammeln.

Wenn eines der Kinder das 15. Lebensjahr erreichte, musste es das Nest verlassen und in die Fremde ziehen. Unsere Drittjüngste kam bis nach Seftigen in das Hotel Bahnhof. Sie hat es nur einen Tag ausgehalten dort; die Meisterfamilie sei hochnäsig gewesen und habe nichts anderes im Sinn gehabt, als das scheue Mägdlein zu plagen. Alle Courage habe sie zusammengenommen und sei in den Zug nach Bern gestiegen, wo sie bei einer Schwester unterkam.

Heute ist sie 77 Jahre alt und musste noch viele Male Courage haben in ihrem Leben – auch jetzt, wo sie den Krebs bekommen hat und es ihr doch eigentlich gar nicht schlecht vorkommt, was sie alles erlebt hat.

Kaspar Junker, ref. Seelsorger

Kolumnen aus der Inselspitalseelsorge im Überblick

27. Juli 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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