Solidarisch mit dem Nächsten, egal welcher Konfession oder Religion. Foto: zVg

Wie die «La Prairie» unter uns

Zukunftsvisionen, die Zukunft der Kirche betreffend, sind ja oft eher trauriger Natur. Bei den Überlegungen zur Zukunft der Kirche sind so auch mir erst einmal Gedanken dazu gekommen, was es wohl nicht mehr geben wird.

Die wichtigste Frage zuerst: Gibt es die katholische Kirche Bern in 26 Jahren überhaupt noch? In meiner Vision ja, es gibt die katholische Kirche Bern im Jahr 2040 immer noch. In welcher Art, mit welchem Ausmass, weiss ich nicht, ich denke, von allem eher weniger statt mehr. Weniger Gläubige, weniger Geld und vermutlich auch weniger MitarbeiterInnen. Ganz nach dem Motto, weniger ist mehr, ist es dabei wichtig, dass wir in Bewegung bleiben. Uns vom Geist des Evangeliums bewegen lassen, wach sind für die möglichen Wege des Geistes und ihnen auch folgen.

Deswegen denke ich, dass wir hier in Bern enger zusammenrücken werden. Nicht im Sinne einer Kuschelgruppe, in der es keine Kritik geben darf, um die wenigen Aktiven nicht zu verschrecken, sondern im Sinne von: Wir arbeiten in Bern noch enger zusammen, Synergien werden noch besser genutzt und so können wir weiterhin einige Bereiche mitgestalten. Dafür müssen wir uns vermutlich von der Struktur der Pfarrei immer mehr verabschieden, vielleicht Standorte aufgeben, Gottesdienste an einem/zwei/drei zentralen Orten feiern, diese dann aber dafür mit so vielen Menschen, dass auch die Gemeinschaft, die wir im Christentum haben, deutlich wird. Obwohl sich die Strukturen ändern werden, habe ich die Vision, dass wir mit Aktivitäten wie Religionsunterricht, Altersarbeit oder auch Gebetsgruppen in den Quartieren bleiben – entweder in eigenen oder angemieteten Räumen oder auch bei Gläubigen zu Hause. In meiner Vision gehen wir diese Änderungen mit viel Mut, Entschiedenheit, Achtsamkeit und Fröhlichkeit an.

Gerade weil wir vermutlich immer weniger werden, wünsche ich mir, dass wir eine noch sichtbarere Kirche hier in Bern werden. Dass Menschen, die eine kurze Verschnaufpause brauchen, einen Ort finden, an dem sie sich ausruhen können. Genauso Kinder, die auf dem Gelände der Kirche spielen. Dies kann ganz konkret mit Liegestühlen im Sommer im Kircheninnenhof der Heiligkreuzkirche, mit einem offenen Garten in der Dreif und dem Sommerfest umgesetzt werden. Wir müssen sichtbar bleiben, damit diejenigen, die uns suchen, einen Zugang zur Kirche finden, der ihnen entspricht. Kirche lebt nicht für sich selber, sondern will sich mitteilen, will präsent fürdie Anliegen der Menschen hier in Bern sein. So wünsche ich mir, dass wir eine offene, weite, lebensnahe und gastfreundliche Kirche sein werden. Die «La Prairie» – mitten unter uns. Eine Kirche, die sich solidarisch mit den räumlich Nächsten gibt, egal, ob sie katholisch, reformiert, ausgetreten, muslimisch, hinduistisch oder buddhistisch sind.

Vielleicht befinden wir uns im Jahr 2040 aufdem Weg zu einer bedürftigen Kirche. Einer Kirche, die nicht alles hat, einer Kirche, die nicht alles weiss, einer Kirche, die nicht alles kann. Aber das, was diese Kirche hat, was sie weiss und was sie kann, das soll sie anbieten, das soll sie sichtbar machen und sie soll andere einladen, dieses Können, Wissen, und Wollen mitzugestalten.

Weniger KatholikInnen bedeutet auch weniger Menschen, die unsere Angebote in Anspruch nehmen und auch weniger Geld. Wir werden vielleicht eine arme Kirche in der reichen Schweiz. Dies birgt die Chance in sich, eine Kirche für die Armen und mit den Armenzu werden. Ich habe die Vision, dass wir die Menschen, die wir als «die Armen» bezeichnen, nicht nur bearbeiten, sondern mit ihnen arbeiten, dass sie nicht nur nehmen, sondern genauso gut geben können. Oft stellen wir sie mit unseren gutgemeinten kirchlichen und sozialen Angeboten an den Rand, anstatt sie zu integrieren.

Ich denke, dass es wichtig ist, dass die Kirche politischer wird. Wir müssen uns positionieren. Es muss deutlich werden, auf welcher Seite wir stehen – für mich ist es die Seite der Randständigen, derjenigen, die nicht für sich alleine sprechen können. Dies kann viele der momentanen KirchgängerInnen der Mittelschicht verschrecken, evtl. sogar abschrecken. Davon dürfen wir uns aber nicht beeindrucken lassen, sondern müssen Kompromisse suchen und schliessen. Mit einer starken Positionierung können wir nur gewinnen – an Glaubwürdigkeit, dass wir wirklich in der Nachfolge Jesu leben, an Achtsamkeit, dass wir die Menschen wahrnehmen, die uns brauchen, an Mut, dass wir für unsere Arbeit einstehen, sie verteidigen.

Wichtig ist in meiner Idee von Kirche 2040 auch, dass die Menschen, die in dieser Kirche arbeiten, so arbeiten, dass sie die Freude, die die christliche Botschaft enthält, durch ihre Arbeit erkennbar werden lassen. Das Faszinierende am Christsein ist ja die Quelle, aus der wir unsere Kraft, Freude und Energie schöpfen und diese dann weitergeben können. Wir sind die Kirche im Jahr 2040. Mit unserer Arbeit verkörpern wir alle Visionen, Träume und Fragen. Ohne uns kann Kirche Region Bern nicht existieren. Wir sind die wichtigsten Multiplikatoren; wenn wir die Freude des Glaubens nicht erkennen lassen können, dann hat er keine Überlebenschance, erst recht nicht in einer Diaspora wie Bern. Wenn uns aber bewusst ist, wer wir sind, was wir wollen und dass wir das, was wir wollen, gemeinsam umsetzen, dann kann Kirche 2040 gelingen, bestimmt anders als jetzt, aber nicht weniger spannend.


Felicitas Ameling (30)
studiert Theologie im Master in Luzern,arbeitet als Katechetin und Jugendarbeiterinin der Pfarrei Heiligkreuz, Bern

7. Januar 2015