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Wieso hat diese Krankheit gerade mich getroffen?

… fragt der Patient, ohne eine Antwort zu erwarten. Er kleidet mit dieser Ausdrucksweise seine Verzweiflung in ein Sprachbild, das eigentlich aus einem anderen Zusammenhang kommt.

Getroffen wird ursprünglich auf der Jagd oder im Krieg, mit Waffen, Pfeilen oder Steinschleudern. Da lauert also eine fiese Krankheit im Hinterhalt und zielt willkürlich auf unschuldige zivile Opfer. Dass im medizinischen Alltag so locker mit kriegerischen Begrifflichkeiten jongliert wird, fällt häufig gar nicht mehr auf, so vertraut sind diese Vergleiche. Im 19. Jahrhundert hat der grosse Bakterienpionier Robert Koch seine Forschung als militärische Expedition verstanden, und im Laufe der Zeit ist es völlig normal geworden, Infektionen und andere Krankheitsgeschehen wie Kriegsschauplätze zu behandeln. Feindliche Erreger, bösartige Zellen bemächtigen sich meines Körpers und müssen nun mit allen Mitteln umzingelt, bekämpft und ausgerottet werden.

Ich frage mich, welchen Einfluss diese kämpferische Sprache auf unseren Umgang mit Krankheit und Gesundheit hat. Muss es wirklich sein, dass unser Körper auf einen Kriegsschauplatz reduziert wird? Zweifellos ist beispielsweise eine Maserninfektion eine unerwünschte, manchmal sogar gefährliche Situation für den Körper. Wäre es trotzdem möglich, uns damit auseinanderzusetzen, ohne auf eine militärische Sprache zurückzugreifen?

Ich merke, dass ich dafür meinen Fokus ändern und mehr auf den Körper schauen muss als auf den Virus. Könnte der Körper vielleicht wie ein gastliches Haus sein? Das Haus steht offen, die einzelnen Zimmer sind aber nicht frei zugänglich. Wände und Türen schützen die Intimsphäre. Im Haus ist Personal unterwegs, das laufend entscheidet, wer wo Zutritt bekommt.

Führen sich Gäste unangenehm auf, werden sie hinauskomplimentiert. Einige Angestellte habe ein sehr gutes Gedächtnis und können bei Gästen, die es bei einem früheren Aufenthalt schon zu bunt getrieben haben, schnell deeskalierend eingreifen. «Wieso hat diese Krankheit gerade mich getroffen»?, fragt der Patient, ohne eine Antwort zu erwarten. Vielleicht standen die Türen seines Gästehauses zu vertrauensvoll offen, sein Personal hat geschlafen oder die Gäste sind masslos, frech und unverfroren.

Marianne Kramer, reformierte Seelsorgerin

Kolumnen der Inselspitalseelsorge im Überblick

12. Juni 2019
erstellt von «pfarrblatt», Nr. 13
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