Wieso ich Charlie bin?

Es war ein normaler Arbeitstag. Er sass in seinem Büro, mit einem Lächeln im Gesicht, und sprach mit seinen Kollegen über die Arbeit. Plötzlich stürmte ein Mann in den Raum, fuchtelte mit einer Kalaschnikow herum, schrie «allahu akbar» (Gott ist gross) und eröffnete das Feuer. Sechs Kugeln drangen in seinen Kopf ein, zwei in seine Brust – er hatte keine Chance zu überleben. Er fiel auf den Boden, eine Blutlache bildete sich um ihn und er nahm seinen letzten Atemzug. Das Lächeln in seinem Gesicht blieb für immer.
Dies ist keine Beschreibung der Ereignisse beim Überfall auf die Redaktion der Satirezeitung «Charlie Hebdo» in Paris, es ist die Beschreibung der Ereignisse im Büro meines älteren Bruders in Islamabad. Tanveer Haider war das Opfer der Attacke vom 3. März 2014. Mein Bruder war ein prominenter Anwalt.

Ich bin Charlie, weil ich den Schmerz der Familien, die einen geliebten Menschen bei einer Terror-Attacke verloren haben, nachempfinden kann. Ich bin Charlie, weil ich weiss, wie es sich anfühlt, wenn du zu «News» wirst. Ich weiss nicht, wie es sich anfühlt, wenn man dem Tod von Angesicht zu Angesicht gegenüber steht, aber ich weiss, wie es sich anfühlt, wenn ein geliebtes Familienmitglied auf brutale Weise umgebracht wird. Das ist der Grund, wieso ich Charlie bin.

Es gibt noch einen anderen Grund, warum ich entschieden habe, mich mit Charlie Hebdo zu solidarisieren: Mein Bruder wurde von der gleichen Ideologie getötet, die jetzt Menschen in Paris ermordet hat. Die Bezeichnungen sind eigentlich irrelevant – Al-Qaida, Taliban, ISIS – nennen wir sie irgendwie. Diese Idelogie war verantwortlich für die 9/11-Attacken in den USA, das Blutbad in Mumbai, den Angriff auf die pakistanische Friedensnobelpreisträgerin Malala und die Ermordung von mehr als 130 Kindern in einer Schule in Peshawar diesen Dezember.
Man wundert sich, wieso sie plötzlich unschuldige Kinder in Peshawar umbringen. Vielleicht haben sie sogar dafür eine Rechtfertigung. Ichkann nicht im Namen der Terroristen sprechen. Aber ich kannte meinen Bruder und ich denke noch immer darüber nach, wieso sie gerade ihn getötet haben. Er war weder ein Karikaturist noch ein «westlicher Agent». In Tat und Wahrheit war er ein gläubiger Muslim, der fünf Mal am Tag gebetet und im heiligen Monat Ramadan gefastet hat. Er ist nicht der einzige Muslim, der von dieser Ideologie getötet wurde – ich kenne hunderte davon persönlich. Sie haben mehr als 70 000 Muslime alleine in Pakistan getötet und wir haben über die Opferzahlen in Syrien, Irak, Afghanistan und anderen Ländern schon längst den Überblick verloren.

Was also ist das für eine Ideologie, die jener Religion, für die diese Terroristen zu kämpfen vorgeben, so grossen Schaden zufügt? Wie gelingt es ihnen, Menschen zu rekrutieren, um Selbstmordattentate auszuführen? In Pakistan, Afghanistan und anderen muslimischen Ländern machen ihnen die fehlende Bildung und die Armut diesen Job sicher einfacher. Aber ich wundere mich, was einen jungen Muslimen – geboren und aufgewachsen im Westen, gut ausgebildet, eine Person, die den Luxus der modernen Welt geniesst, die Freiheiten der westlichen Zivilisation – was einen solchen jungen Menschen motiviert? Wie endet ein solcher Kerl kämpfend für den «Islamischen Staat» (IS) in Syrien oder im Irak? Wie kann es passieren, dass diese Jungs eines Tages zu einer Waffe greifen und beschliessen, andere Menschen zu töten?
Viele Experten versuchen nun, in der Folge der Anschläge in Paris, diese Fragen zu beantworten. Ich habe mir ebenfalls Gedanken gemacht: 1. Die Islamisten sagen den jungen Muslimen, dass der Westen einen Krieg gegen den Islam führe. Sie geben vielleicht Beispiele aus dem Palästina-Israel-Konflikt undweisen dann auf muslimische Länder hin, die von der NATO angegriffen wurden. 2. Sie verwenden die angebliche Voreingenommenheit der westlichen Medien gegenüber Muslimen als Beispiel – die Art und Weise, wie Muslime manchmal dargestellt werden und wie politische Themen stereotyp behandelt werden. Zum Beispiel: «Redefreiheit» sei nur dazu da, den «Propheten zu beleidigen», während alles, was gegen Israel gerichtet sei, als «antisemitisch » angesehen werde.
Und nicht zuletzt würde der Westen es nicht erlauben, dass sich die Demokratie in den arabischen Ländern zu sehr ausbreite, weil die westlichen Regierungen die Politiker ihrer Wahl an der Macht haben wollten. Beispiele seien die Muslimbruderschaft in Ägypten und die Hamas in Palästina, die vom Westen nicht toleriert würden, obwohl sie demokratisch legitimiert seien.

Leider sind diese Beispiele nicht gänzlich unbegründet. Sobald sie einmal in der Lage sind, junge Köpfe von den «Doppelstandards des Westens» zu überzeugen und sie in der Demokratie keine Lösung mehr sehen, bieten sie ihnen einen Ausweg über die Ideen des Dschihad oder des Kalifats an. Ihr Dschihad hat zwei Ebenen – in muslimischen Ländern und weltweit. In muslimischen Ländern attackieren sie sämtliche Personen oder Institutionen, die nicht ihre Interpretation des Dschihad unterstützen oder die «westliche Werte» vertreten. Global zielen ihre Angriffe darauf ab, westliche Regierungen und Gesellschaften zu provozieren. Sei es 9/11 oder Paris, sie wählen ihre Ziele, um einen maximalen Schaden anzurichten und anti-islamische Gefühle auszulösen.

Wir müssen Sie ebenfalls auf diesen beiden Ebenen bekämpfen – nach innen und nach aussen. Wir können sie nur durch die Entwicklung einer Gegenerzählung in muslimischen Ländern besiegen. Was die Terroristen uns glauben machen wollen ist, dass der Westen den Islam und die Muslime als Menschen hasst und verurteilt. Das dürfen wir nicht zulassen. Ich habe eben einem Tweet von Rupert Murdoch gelesen: «Kann sein, dass die meisten Muslime friedlich sind, aber solange sie ihren wachsenden Dschihad-Krebs nicht zerstört haben, müssen sie zur Verantwortung gezogen werden.»
Glücklicherweise hat Murdoch keine Plattform, um solche Ideen zu verbreiten ... Oh, Moment mal, ist er nicht der Besitzer von News Corp, dem grössten Medienunternehmen auf der Welt? Murdoch ist nicht Charlie!

Shamshir Haider

Shamshir Haider schreibt von Zeit zu Zeit exklusiv für das  "pfarrblatt" Bern. Er ist 1981 in der Region Kashmir, Pakistan, geboren. Studium und Masterabschluss in Literatur (Urdu) an der Universtität Lahore. Shamshir Haider ist Theater- und Drehbuchautor, Journalist. Er hat einen Lehrauftrag an der "School of Creative Arts" der Universität Lahore. Aktuell ist er im Masterprogramm in MediaStudies der "Deutsche Welle Akademie" in Bonn. Englisch-Übersetzung: Andreas Krummenacher

28. Januar 2015