Gemeinsamkeiten der Religionen entdecken: im Berliner House of One und im Berner Haus der Religionen. Foto: Vera Rüttimann

«Ich habe nie so viel gelernt, wie seit ich im Haus der Religionen arbeite.» Brigitta Rotach

Pfarrer Gregor Hohberg, Rabbi Andreas Nachama und Imam Osman Örs auf der Baustelle vom House of One in Berlin.

«Die Idee ist, dass wir auch von den anderen Häusern lernen und uns unseren Weg erzählen.» Gerda Hauck

Religion will wahrgenommen werden. Mitten in Berlin. Modell des House of One.

Aus dem Nichts. Das Haus der Religionen in Bern besetzt, prägt und heilt eine frühere städtebauliche Narbe.

Das Haus der Religionen als Chance für die zugewanderten Religionsgemeinschaften, in dieser Form einen Platz einzunehmen in der Gesellschaft.

Moschee im Haus der Religionen in Bern. Die Religionsgemeinschaften konnten sich so einrichten, dass sie sich wohl fühlen.

Noch klafft ein Loch in Berlin-Mitte. Hier liegen die ältesten Fundamente der Stadt und hier entsteht das House of One.

An diesem Ort stand die Petri-Kirche, nun entsteht das House of One, ein religiöser Ort, der verbinden soll.

«Wir gründen einen heiligen Ort»

Christen, Juden und Muslime bauen mitten in Berlin an einem gemeinsamen Haus ihrer Religionen. Ein Projekt, das vom «Haus der Religionen – Dialog der Kulturen» in Bern inspiriert ist. Was eint und unterscheidet diese beiden Häuser architektonisch, konzeptuell und inhaltlich? Eine Spurensuche in Berlin und Bern.

Von Vera Rüttimann, freie Journalistin

Die Lage

House of One: Das House of One entsteht mitten im politisch-kulturellen Zentrum Berlins. «Diese Lage bringt dem House of One viel Unterstützung und Aufmerksamkeit», sagt Gregor Hohberg. Für den evangelischen Pfarrer hat dieser Ort eine hohe Symbolkraft: «Er ist es eine Ansage dafür, dass Religion wahrgenommen werden will mit ihren Angeboten.»

Imam Osman Örs, der diese Baugrube ebenfalls regelmässig besucht, ist fasziniert von den vielen historischen Komponenten, die sich hier überschneiden. Er sagt: «Auf dieser alten Geschichte gründen wir jetzt etwas Neues. Wir gründen wieder einen spirituellen, einen heiligen Ort. Nur in anderer, mehrgestaltiger Form.» Das passt für ihn zu Berlin, eine Stadt, die schon immer weltoffen und multikulturell gewesen sei.

Haus der Religionen: Der Europaplatz 1 im Berner Quartier Ausserholligen, wo dieses Haus steht, war lange Zeit ein eher unwirtlicher Ort neben einem Autobahnviadukt. Brigitta Rotach sagt dazu: «Der Platz war eine städtebauliche Narbe zwischen Innenstadt und Ausserholligen. Da war ein Niemandsland.» In der Nähe liegt das bislang eher benachteiligte Quartier Bern-Bethlehem. Und noch einen Unterschied gibt es zum House of One: «Wir wollten ganz bewusst einen Ort, der nicht bereits besetzt ist von einem anderen sakralen Raum.»

Das Haus von aussen

House of One: In den kommenden vier Jahren soll am Petriplatz das Drei-Religionen-Haus mit einem mehr als 40 Meter hohem Turm entstehen. Gregor Hohberg sagt über das Gebäude: «Unser Haus ist von aussen sichtbar als ein Symbolbau, das Transzendenz atmet und sich einfügt in die Umgebung.» Imam Osman Örs sagt über die religiöse Symbolik: «Wir haben uns bewusst gegen sichtbare religiöse Symbole am Bau gegen aussen entschieden.»

Haus der Religionen: Das Haus am Europaplatz 1 ist von aussen profan eingebunden in einen Überbauungskomplex. Es gibt dort auch Wohnungen, Lebensmittelläden und Gewerbe. Brigitta Rotach dazu: «Gegen aussen wollten wir erst keine religiösen Zeichen. Nur an der Fassade gibt es ein paar stilisierte religiöse Ornamente.» Auf dem Dach ist der Hindutempelaufbau zu sehen, seit einem Jahr auch die Kuppel der Moschee. Alle übrigen Symbole finden sich in den Sakralräumen.

«Ich habe nie so viel gelernt, wie seit ich im Haus der Religionen arbeite.»
Brigitta Rotach

Das Konzept

House of One: Im House of One wird es eine Synagoge, eine Kirche und eine Moschee geben. Gregor Hoheberg sagt: «Alle Religionen haben im Verein gleich viel Stimmgewicht. Das ist ein zentraler Punkt.»

Haus der Religionen: Am Europaplatz 1 leben acht Weltreligionen unter einem Dach. Das Haus hat einen Hindu-Tempel, eine Moschee, eine Kirche, eine alevitische Dergâh und ein buddhistisches Zentrum, angeordnet rund um den grossen Dialogbereich. Juden, Baha'i und Sikh sind ohne eigenen Sakralraum im Dialogbereich aktiv. Zudem kocht hier ein Restaurant seit drei Jahren auyrvedisch-koscher, was eine starke jüdische Präsenz im Haus bewirkt. Brigitta Rotach sagt über die beiden Häuser: «Dass sie mehrere Religionen unter einem Dach beherbergen und sie in Sakralräumen auch praktizieren, das ist das Neue und Revolutionäre.» Unglaublich spannend sei das. «Ich habe nie so viel gelernt, wie seit ich im Haus der Religionen arbeite. Gewisse Fragestellungen zeigen sich erst durch das konkrete Zusammenleben.» Das werde beim House of One wohl ähnlich sein.

Sakralräume

House of One: In Berlin sind die einzelnen Sakralräume bislang nur auf Zeichnungen von Architekten zu sehen. Für alle Räume werden hier diesselben Volumen und Backsteine verwendet. Gregor Hohberg sagt: «Bei uns gestalten wir gemeinsam alle Räume.» Wie die Räume konkret ausgestaltet werden, werde sich im Laufe des Bauprozesses zeigen.

Haus der Religionen: Hier wirkt alles bunt und aus der Küche des Dialogbereichs strömt eine betörende Geruchsmischung. Farbig leuchten die indischen Götterfiguren Shiva, Ganesha und Shakti. Riesig wirkt der Kronleuchter in der Moschee. Edel das Himmelsgewölbe im ökumenischen Kirchenraum. In den Schulungsräumen wird gelehrt. Brigitta Rotach sagt: «Ganz nach dem Bottom-Up-Prinzip, gestalten die Religionsgemeinschaften ihre Räume selber.» Sie konnten selber entscheiden, wie viel Platz sie beanspruchen, und bezahlen den Innenausbau selber. Gerda Hauck ergänzt: «Die Religionsgemeinschaften haben ihre Räume so gestaltet, dass sie sich hier wie zu Hause fühlen.»

«Es gilt, die gemeinsamen Friedenspotentiale in den Religionen zu entdecken und sie zu leben.»
Gregor Hohberg

Raum in der Mitte

House of One: Neben einer Kirche, einer Synagoge und einer Moschee gibt es einen vierten Raum in der Mitte. Gregor Hohberg betont: «Dieser Raum ist das Herzstück des Hauses.» Alle Besucher müssen durch diesen vierten Raum, um zu den Sakralräumen zu gelangen. Es sei ein Raum frei von jeglicher Symbolik, damit die drei Religionen diesen Raum auch mitnutzen können. Gregor Hohberg: «Es ist der Raum, der uns mit der säkularen Gesellschaft verbindet. Auch mit Menschen mit anderen Weltanschauungen und Religionen. Das macht diesen Raum so spannend und herausfordernd.»

Haus der Religionen: Der Raum in der Mitte heisst hier «Dialogbereich». Auch er ist offen für alle. Hier findet neben den Bildungsprogrammen auch das Kulturprogramm statt. Gerda Hauck sagt: «Das Programm wird mitgestaltet von Vertretern der verschiedenen Religionsgemeinschaften.» Während es im vierten Raum kein Restaurant geben wird, ist dieses in Bern ein Fixpunkt. Brigitta Rotach sagt: «Das aryuvedisch-koschere Restaurant ist für uns sehr wichtig. Es spricht unterschiedliche Menschen an, die hier gern essen wollen. Das ist gut so.»

Akzeptanz

House of One: Gregor Hohberg: «Die Grundsteinlegung in diesem Mai war ein sehr einschneidendes und bedeutsames Ereignis. Es hat gezeigt, dass diese Idee viel Zuspruch hier in Berlin, in Deutschland und darüber hinaus geniesst.»

Haus der Religionen: Auch das Berner Projekt löste weitgehend Zustimmung aus. Gerda Hauck dazu: «Es gibt Kreise, die unser Projekt von Beginn an toll gefunden haben und die davon überzeugt sind, dass es in diese Zeit passt.» Es sei eine grosse Chance für die zugewanderten Religionsgemeinschaften, in dieser Form einen Platz einzunehmen in der Gesellschaft. Natürlich kenne sie auch Leute, die das Konzept dieses Hauses ablehnen.

«Die Idee ist, dass wir auch von den anderen Häusern lernen und uns unseren Weg erzählen.»
Gerda Hauck

Graswurzelbewegung

House of One: Gregor Hohberg sagt: «Die Besonderheit bei uns ist, dass die Religionsgemeinschaften selbst den Ort zurückerobert und sich an die Stadt und an die Öffentlichkeit gewendet haben. Dieses Projekt ist eine Graswurzelbewegung.»

Haus der Religionen: In Bern war es die Stadtentwicklungsbehörde, die die Idee für das Haus der Religionen im westlichen Bern einbrachte. «Das nahm der bestehende Runde Tisch der Religionen auf. Unter Federführung der Herrnhuter entwickelten die Religionsgemeinschaften die Projektidee weiter», wie Gerda Hauck erläutert.

Finanzierung

House of One: Die Finanzierung des mit 47,2 Millionen Euro veranschlagten Baus erfolgt überwiegend durch öffentliche Gelder, 20 Millionen Euro vom Bund, 10 Millionen Euro vom Land Berlin. Hinzu kommen 10 Millionen Euro aus Crowdfunding, Grossspenden und Zuwendungen. Auf diese Art soll auch die noch fehlende Summe finanziert werden. Über die Website können die Spender symbolische Steine kaufen.

Haus der Religionen: Das Haus in Bern ist wie das House of One eine Mischfinanzierung. Grosse Spenden kamen von der reformierten und katholischen Kirche, von Einzelspendern und der Rudolf und Ursula Streit-Stiftung sowie vom Kanton und der Burgergemeinde.

 

«Auf dieser alten Geschichte gründen wir jetzt etwas Neues.»
Osman Örs

Hoffnungen

Wenn sich Religionen territorial zu nahe gerieten, bedeutete das oft: Konflikte oder kriegerische Auseinandersetzungen. Das zieht sich bis in die Gegenwart hinein. Gregor Hohberg sagt dazu: «Die Religionshäuser in Bern und Berlin möchten das Gegenteil. Sie sagen: Wir erkennen an, dass es verschiedene Religionen gibt – und jetzt versuchen wir, daraus etwas zu machen.» Es gelte, die gemeinsamen Friedenspotentiale in den Religionen zu entdecken und sie zu leben.

Rabbiner Andreas Nachama, der sich seit 1973 im christlich-jüdisch-islamischen Dialog engagiert, hofft, dass am House of One ein ständiger Tri-Dialog gepflegt wird. Er freut sich darüber, dass «nicht bloss eine Konferenz mit einem interreligiösen Dialog stattfindet, sondern, dass er auf eine lange Zeit konzipiert ist.» Imam Osman Örs hofft, dass Mehrreligionenhäuser auch zu Botschaftern des Friedens werden.

Fazit

Als Imam Osman Örs 2011 zum ersten Mal vom House of One erfuhr, zeigte er sich überrascht. Er erinnert sich: «Ich dachte: Die Berliner müssen verrückt sein! Ein Mehrreligionenhaus, das klang für mich utopisch.» Der Imam sagt, dass mit diesem Projekt für ihn ein Traum in Erfüllung gehe. Für Osman Örs setzen das House of One und das Haus der Religionen wichtige Zeichen. Er ist sicher: «Diese beiden Häuser haben weltweiten Modellcharakter. Es werden bestimmt weitere Häuser dieser Art entstehen.» Gerda Hauck ist das Voneinander-lernen wichtig: «Die Idee ist, dass wir auch von den anderen Häusern lernen und uns unseren Weg erzählen.»

Eine gute Gelegenheit dafür ist die Mehrreligionen-Häuser-Konferenz, zu dem das Berner «Haus der Religionen – Dialog der Kulturen» in diesem Oktober (21.-24.10.2021) einlädt. Auch an dieser Zusammenkunft wird ein Spirit spürbar sein, der die Engagierten in den beiden Mehrreligionshäusern in Berlin und Bern eint: Von Beginn an ein Projekt aufbauen, das eine grosse Strahlkraft hat – und ein Teil davon sein. Gregor Hohberg resümiert: «Der Prozess des gemeinsamen Bauens und Gestaltens ist ein besonderer Schatz.»


Gregor Hohberg:
Seit 2002 Pfarrer an der Evangelischen Kirchengemeinde St. Petri-St.Marien in Berlin-Mitte. Initiator des House of One. 
Osman Örs: Seit 2015 Imam und theologischer Referent am House of one.
Gerda Hauck: Von 2014 – 2017 Präsidentin des Vereins «Haus der Religionen».
Brigitta Rotach: Die Religionswissenschaftlerin leitet das Kulturprogramm im «Haus der Religionen». Mitglied der Jüdischen Liberalen Gemeinde Or Chadasch in Zürich.
Rabbi Andreas Nachama: Langjähriger geschäftsführender Direktor der Stiftung Topographie des Terrors; seit 2015 im Präsidium des «House of One» und seit 2019 Vorsitzender der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland.


Links zu den Webseiten

Haus der Religionen in Bern

House of One in Berlin

11. September 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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