Konzertlesung «Was glaubst du?», Köln, 2015 Foto: Anja Röhrig

«Wir können Gott als Frage und Antwort erfahren»

Bei ihren Konzertlesungen «Was glaubst du?» nehmen der Religionspädagoge Rainer Oberthür und das Musikerduo «Carolin No» das Publikum auf eine Reise zu den grossen Fragen des Lebens mit.


Interview: Anouk Hiedl

«pfarrblatt»: Kinder und Jugendliche stellen die grossen Fragen des Lebens, auch im Alltag. Wo suchen sie Antworten? Wie sehen Sie die Möglichkeiten des Religionsunterrichts?

Rainer Oberthür: Junge Menschen tragen tatsächlich auch heute, oft intensiver als früher, die Fragen nach dem Woher und Wohin, dem Warum und dem Sinn in sich. Leider gibt es für viele nur selten Gelegenheiten, also offene Frageräume, sich zu äussern und mit anderen auszutauschen und nach Antworten zu suchen. Der Religionsunterricht ist wohl für viele der einzige und ein wirklich vorzüglicher Ort des Fragens, Suchens nach Antworten und Weiterfragens, denn für eine grosse Frage gilt: Nach einer Antwort haben wir mehr und neue Fragen.
Das macht es so herausfordernd und spannend. Junge Menschen brauchen aber Begleitung, Impulse, Vorgaben, Strukturen, Worte, Bilder und Musik, um ihre Fragen zu stellen und Antworten zu finden. Sie sollten die Erfahrung des Fragens erleben und auch uns Erwachsenen, die ihre Fragen immer noch stellen, Antworten anbieten, aber so offen, dass sie selbst gefragt sind: Was glaubst du?


Kinder, Eltern und Grosseltern sind kirchlich jeweils anders geprägt. Welche Fragen und Reaktionen tauchen da mitunter auf?

Die Eltern und Grosseltern können von den jungen Menschen mitgenommen werden, sodass «alle im Haus» neu fragen und im Glauben wachsen. Kinder erlebe ich als offen und interessiert, unabhängig von ihrem Hintergrundwissen. Gerade Kinder, die nicht an Gott glauben, sind oft diejenigen, die den Frageprozess am meisten anfeuern. Geringe kirchliche Prägung hat manchmal den Vorteil, unvoreingenommen, sozusagen «unbelastet» den Inhalten des Religionsunterrichts zu begegnen. Das gelingt besonders, wenn das 2Thema mit ihren Erfahrungen und Fragen verknüpft ist. Die Frage, woher die Welt kommt und warum es mich gibt, führt zum Beispiel unmittelbar zu den biblischen Texten vom Anfang, aber genauso zum heutigen naturwissenschaftlichen Wissen.

Der Dialog zwischen beidem stellt uns vor die Frage, was nun «stimmt», und zur Erkenntnis, dass die Naturwissenschaften andere Fragen beantworten als das biblische Gedicht vom Anfang: Die einen stellen die «Wann- und Wie-Lampen» auf und kommen zu richtigen Ergebnissen über die Tatsachen der Welt. Die anderen setzen auf die «Warum- und Wozu-Lampen» und kommen zu wahren Einblicken ins Geheimnis der Welt aus der Sicht des Glaubens. Wenn wir beides zusammennehmen, können wir mehr verstehen, aber nie die ganze Wahrheit. Solche Einsichten können die Jungen mit den Älteren gemeinsam erlangen.


Welchen «harten Kern» gibt es im Religionsunterricht? Was kommt heute anders oder gar nicht mehr vor?

Die grossen Fragen führen uns im Grunde zu den klassischen Themen der Theologie: Warum gibt es überhaupt etwas? Da sind wir bei der Schöpfungslehre. Wie sieht Gott aus? Das führt zur Gotteslehre. Warum gibt es das Leid und das Böse? Das ist die Theodizeefrage – warum lässt ein guter Gott das Leid zu? Die Christologie fragt, wie bereits Kinder es tun, warum Jesus sterben musste. Was kommt nach dem Tod? Damit befasst sich die Eschatologie. In all diesen Zusammenhängen kommen wir immer zu biblischen Texten und zu den Fragen nach Himmel, Paradies, nach Leben und Tod, Hölle und Teufel, und wir versuchen, sie heute neu zu deuten, kritisch zu befragen, Irrtümer und den wahren Kern zu ermitteln.


Was ist guter Religionsunterricht? Was moderne Religionspädagogik?

Ein guter Religionsunterricht nimmt die Kinder und Jugendlichen ernst, mutet und traut ihnen Eigenes zu und fordert sie über die Menschheitsfragen heraus. Er vermittelt die notwendigen Hintergründe für die eigene Auseinandersetzung und bietet ihnen persönliche Antwortversuche auf die Fragen von Religion und Glaube. Er stellt die überzeitlichen Fragen aller Menschen und die Gottesfrage als Dreh- und Angelpunkt in die Mitte und bringt heutiges Leben mit diesen Fragen zusammen. Dabei lässt er uns ahnen, dass es ein «Mehr» gibt, das wir nie ganz verstehen können.

Dieses Geheimnis hinter den Tatsachen erfahren wir besonders bei der Frage nach Gott als Unbegreif- und Unverfügbaren. Eine zeitgemässe und zukunftsfähige Religionspädagogik fördert in der Aus-, Fort- und Weiterbildung wie in der Forschung solche Erfahrungs- und Lernprozesse und die damit verbundene hohe Resonanz bei allen Beteiligten. Sie ist eine menschenfreundliche religiöse Erfahrung, Entwicklung und Aufklärung mit Herz und Verstand, sowohl mit Blick auf die Schule als auch auf die Gemeinde und Familie.

Sie regen Menschen zu Gedankenspielen an. Was hat Sie schon überrascht?

Sich auf das eigentlich Selbstverständliche oder eben auch ganz Aussergewöhnliche einzulassen, bringt neue Perspektiven, Fragen und Einsichten und vermehrt das Staunen. Stell dir vor, du könntest eines Tages keine Fragen mehr stellen! Stell dir vor, du bekommst morgen einen Termin bei Gott: Was fragt du und welche Fragen erwartest du von Gott? Stell dir vor, ein Mensch darf eine Rede an die Menschheit halten, und du bist dieser Mensch? Bei diesem Gedankenexperiment haben 10-Jährige eindrucksvolle Reden geschrieben, die man jedem Politiker der Welt senden möchte.


Im Juni kommen Sie mit Ihrer Konzertlesung «Was glaubst du?» in die Schweiz. Was glauben Sie?

An diesen Abenden werden wir diese Frage mit meinen Briefen und den Liedern von Caro und Andi Obieglo immer neu umkreisen. Ein kleiner Vorgeschmack: Ich glaube, wir Men3schen sind die Lebewesen, die Fragen stellen und wissen, dass sie fragen. Wir haben einen Sinn für den Sinn hinter allem Sinn. Wir können das Woher, Wozu und Wohin entdecken und das Grosse, Ganze und Gute in den Blick nehmen und haben dafür die Sprache mit Worten, Bildern und Tönen. Wir haben ein Gespür für das Unendliche und können Gott zwar nie begreifen, aber als Frage und Antwort hoch über uns, mitten unter uns und tief in uns erfahren.

Zu glauben heisst, die Unbegreiflichkeit Gottes im Leben auszuhalten und so die Unbegreiflichkeit des Lebens im Schönen tiefer zu erfahren und im Schweren besser zu ertragen.Bei unseren Konzertlesungen faszinieren mich das Hin und Her und die Verschränkung der Lieder und Texte immer neu. Die Berner Konzertlesung wird unsere 15. sein. Jede ist anders, eine wunderbare Erfahrung zwischen Himmel und Erde. Das haben uns viele gesagt, die bisher bei uns waren. In diesem Sinn sind alle eingeladen, zu hören und zu sehen, mit uns zu staunen und nachzudenken, nach Antworten zu suchen – und nicht aufzuhören zu fragen.

Was glaubst du?
Konzertlesung mit Briefen und Liedern zwischen Himmel und Erde, präsentiert von Carolin und Andreas Obieglo (Carolin No) und Rainer Oberthür.
Donnerstag, 20. Juni, 19.30–22.00, Offene Kirche Elisabethen, Basel
Freitag, 21. Juni, 20.00–22.30, Krypta der Kirche St. Peter und Paul, Bern
Weitere Infos: www.was-glaubst-du.ch  www.rainer-oberthuer.de

 

 

 

 

Rainer Oberthür ist Dozent für Religionspädagogik und stellvertretender Leiter des Katechetischen Instituts des Bistums Aachen. Als Grundschullehrer hält er den Kontakt zu Kindern und entwickelt seine Ideen in der Praxis. Er veröffentlicht Bücher für Kinder und Erwachsene, in denen es um die grossen Fragen der Menschen – um Gott und die Welt – geht. Foto: Ruth Oberthür

 

 

 



In diesem Buch mit CD
kommen Briefe und Lieder, Texte und Töne, Worte und Klänge zusammen. Rainer Oberthür schreibt persönliche Antworten auf 20 authentisch formulierte, erdachte Briefe von Kindern im Alter von neun bis 13 Jahren. Alle berühren die grossen Fragen nach Menschsein in der Welt, nach Religion und Glaube. Die 16 Lieder von «Carolin No» eröffnen eigene Frage- und Sinnhorizonte und spiegeln die Themen der Briefe. Im Wechsel von Briefen und Liedtexten ergeben sich fortwährend neue Perspektiven zwischen Himmel und Erde. Wer liest und hört, steht immer wieder selbst vor der Frage: Was glaubst du?

 

 

 

 

12. Juni 2019
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 13
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