Katholisch-Sein bedeutet für Ursula Jenelten Brunner Heimat. Foto: Pia Neuenschwander

«Wir mussten lernen, wie viel Miteinander fruchtbar ist»

Die Biologin Ursula Jenelten Brunner* engagiert sich in kirchlichen Gremien. Wie das Miteinander von verschiedensprachigen Gemeinden funktionieren kann und was sie an «Laudato sì» besonders schätzt.

Interview: Sylvia Stam

«pfarrblatt»: Als Präsidentin des Grossen Kirchenrats trugen Sie die Verantwortung für ein Budget von 30 Millionen. Hatten Sie manchmal schlaflose Nächte?

Ursula Jenelten Brunner: Keineswegs. Ich hatte volles Vertrauen, dass Entscheidungen gut über die Bühne gehen. Der Kleine Kirchenrat, die Exekutive, hat die Geschäfte sehr gut vorbereitet, in der Verwaltung haben wir eine hohe Fachkompetenz und die Kommissionen des Grossen Kirchenrates beraten die Geschäfte eingehend und seriös vor.

In der Pfarrei Bruder Klaus, deren Kirchgemeinde Sie präsidieren, finden Gottesdienste in verschiedenen Sprachen statt. Das sieht nach einem Nebeneinander aus. Gibt es auch ein Miteinander?

Absolut. Die vietnamesische, philippinische, polnische und englischsprachige Gemeinschaft sind alle im Pfarreirat vertreten. Dieser organisiert jährlich Treffpunkte für alle. Wir feiern zusammen Gottesdienste, die je von einer Gemeinschaft musikalisch umrahmt werden. Hier mussten wir lernen, wie viel Miteinander fruchtbar ist. Es gibt Gemeinschaften, die Raum für sich brauchen. Gleichzeitig sind wir hier im Pfarreizentrum miteinander unterwegs. Da gilt es, das richtige Mass des Miteinanders herauszufinden.

Im Kirchgemeinderat war ein Mitglied aus der vietnamesischen Gemeinschaft, neu stösst ein Mitglied mit Verbindung zur polnischen Gemeinde zu uns. Es ist nicht selbstverständlich, aus diesen Gemeinden Leute für die staatskirchenrechtlichen Gremien zu finden. Wir sind sehr glücklich, die verschiedenen Perspektiven auch hier einbringen zu können.

Was bedeutet das für die deutschsprachige Gemeinde?

Wir setzen uns nicht andauernd mit dem Anders-Sein auseinander, sondern wir leben diese Toleranz. Es gibt anderssprachige Gemeinden, denen ein Kreuzweg an der Kirchenwand wichtig ist. Hier wollen wir Freiraum geben und sagen: « Okay, das ist euch wichtig, dann bestimmt ihr, wie ihr das haben möchtet.»

Was bedeutet für Sie «Katholisch-Sein»?

Es bedeutet für mich Heimat. Ich bin im christlichen Glauben aufgewachsen. Das Katholisch-Sein hatte im Familienleben einen wichtigen Platz: Wir sind regelmässig zur Kirche gegangen, religiöse Feste, Advents- und Fastenzeit wurden bewusst auch in der Familie gefeiert.

Hat Ihr Biologiestudium Ihren Glauben verändert?

Im Studium habe ich die Auseinandersetzung zwischen Religion und Wissenschaft sehr intensiv erlebt. Ich wusste immer, dass Kirche mir Heimat bedeutet, dass ich diese Spiritualität und Rituale brauche. Hier musste ich meinen Weg suchen, die Wissenschaft mit der Spiritualität zu verbinden.

Wie sah dieser Weg aus?

Mir haben die Schriften von Teilhard de Chardin sehr geholfen, der Evolutionstheorie und Glauben zu verbinden versucht. In der Enzyklika «Laudato sì» des Papstes finde ich ein befreiendes Bekenntnis der Kirche zur Wissenschaft und zur Bewahrung der Schöpfung, wie ich es zuvor so explizit nicht wahrgenommen habe.

Fördert Ihr Wissen um biologische Zusammenhänge Ihren Respekt vor der Schöpfung?

Ja. Je weiter man ins Detail dringt, desto fantastischer wird das Ganze. Wir wissen noch längst nicht alles. Der Umgang mit dem Corona-Virus zeigt uns aktuell, wie Wissen entsteht. Im Biologieunterricht lehrte ich vor zwanzig Jahren der Mensch habe 150‘000 Gene. Heute sprechen wir von 20 bis 25‘000. Immer wieder kommen neue Erkenntnisse dazu und die alten müssen revidiert werden.

Sie hatten bis vor kurzem zwei kirchliche Ämter, zwei Kinder, sind Lehrerin und aktuell Co-Rektorin. Wie viele Stunden hat Ihr Tag?

(lacht) Die Unterstützung meiner Familie ist mir sehr wichtig. Ich habe bei jeder Aufgabe, die dazu kam, geschaut: Passt es noch? Jedes dieser Engagements empfinde ich als grosse Bereicherung. Wenn es zeitlich nicht mehr passt, muss man ehrlich zu sich selber sein und etwas ändern. Nach sechs spannenden Jahren habe ich das Amt als Präsidentin des Grossen Kirchenrates abgegeben.

*Ursula Jenelten Brunner Die gebürtige Walliserin (*1966) lebt seit 1986 in Bern. Von 2015 bis 2020 präsidierte sie den Grossen Kirchenrat der Gesamtkirchgemeinde Bern, seit 2015 den Kirchgemeinderat Bruder Klaus. Die Biologin ist Rektorin der Abteilung Wirtschaft und Recht und Mitglied der Gesamtleitung des Gymnasiums Neufeld in Bern. Sie ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

7. Januar 2021
erstellt von «pfarrblatt» online
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