Die Gemeinwohl-Ökonomie stellt die Menschenwürde, Solidarität und Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt. Foto: Pia Neuenschwander

Amadeus Wittwer von der Energiegenossenschaft Schweiz, zusammen mit rund dreissig anderen Unternehmen in der Schweiz arbeitet sie nach GWÖ-Kriterien. Foto: Pia Neuenschwander

Wirtschaften mit dem Gemeinwohl im Blick

«Was in der aktuellen Krise als systemrelevant definiert wird, zeigt uns deutlich auf, wovon wir im aktuellen Wirtschaftssystem abhängen – wir können uns fragen, ob es wirklich diese Betriebe sind, die unser künftiges Wohlergehen erhalten können», sagt Amadeus Wittwer am Unternehmens-Treff der Gemeinwohl-Ökonomie Anfang August in Bern.


Von Stefan Prebil


«Das Wohl von Mensch und Umwelt wird zum obersten Ziel des Wirtschaftens aller Unternehmen», das ist zusammengefasst die Vision der 2010 von Christian Felber in Wien gegründete Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung (GWÖ). Umsatz und resultierende Gewinne sollen dabei wieder die Funktion der Mittel bekommen und nicht mehr den einzigen Zweck des Wirtschaftens darstellen.

Wie wird Gemeinwohl definiert?

Die Finanzen eines Unternehmens lassen sich einfacher messen als das resultierende Gemeinwohl. Darum hat die GWÖ eine Bilanz-Matrix mit Handbuch erschaffen. Dabei werden die Kriterien Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit sowie Mitbestimmung und Transparenz in den verschiedenen Unternehmensbereichen kritisch, gemeinsam mit Beratern und anderen Unternehmern, unter die Lupe genommen.

Mit diesem Instrument soll künftig ein Label, ähnlich dem Energielabel der Europäischen Union, übersichtlich aufzeigen, wie eine Firma die Produkte produziert. Konsument*innen könnten dann im Laden entscheiden, welche Art des Wirtschaften sie fördern wollen. Zudem könnte der Staat über Steuervorteile, solche Unternehmen gezielt fördern und so ein nachhaltiges Wirtschaftsmodell wettbewerbsfähig machen.

Am konkreten Beispiel

Amadeus Wittwer ist Geschäftsführer der Energiegenossenschaft Schweiz. Diese Genossenschaft arbeitet im Bereich der Solarenergie. Seit 2010 wurden mehrere Gemeinwohl-Ökonomie Bilanzen durchgeführt. «Durch unsere Bilanz haben wir bisher keine neuen Kunden gewonnen, obwohl wenn wir mit Solaranlagen eher nachhaltig denkende Menschen ansprechen», berichtet Amadeus Wittwer und ergänzt, dass sein Unternehmen deswegen auch nicht weniger konkurrenzfähig geworden ist. Eine Bilanz zu erstellen, sei bisher eher ein Reflexions-Prozess, der ein ganzheitliches Bewusstsein für das eigene Wirtschaften schaffe. So sei die Einflussnahme auf Zulieferer von Solarmodulen aus China für ein kleines Unternehmen natürlich beschränkt, doch es können alternative Hersteller gefunden werden.

Kritik

Natürlich gibt es auch Kritik an der GWÖ. Die Kriterien der Bilanz würden beispielsweise von Wertungen ausgehen, nicht von Leistungen, sie schränke Eigentums- und Freiheitsrechte ein, sie wolle Marktwirtschaft und Konkurrenz abschaffen, die Individuen einem Gemeinwohl-Gremium unterwerfen, sie sei bürokratisch und ineffektiv und – das Killerkriterium, schlechthin – sie lasse sich, wenn überhaupt, nur weltweit durchsetzen. Nur der ungehinderte, freie und letzlich brutale Wettbewerb fördere das Gemeinwohl; die unsichtbare Hand des Marktes stelle die Gleichgewichte her.
«Diese Prinzipen haben zu einem hohen Wohlstand geführt. Dabei wird die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, sowie die massiv fortschreitende Zerstörung unserer künftigen Lebensgrundlagen ausgeblendet – die aktuelle Corona Krise akzentuiert dies noch», entgegnet GWÖ-Gründer Christian Felber.

Wo steht die Bewegung?

Derzeit gibt es in der Schweiz fünf GWÖ-Regionalgruppen, weltweit rund 165, über 320 Firmen, welche bilanziert sind und 2'200 Unternehmen und Organisationen, in welchen Menschen sich für dieses alternative Wirtschaftsmodell engagieren. Die Bewegung versteht sich als lernendes System, das von der Mitarbeit, Transparenz und Mitbestimmung lebt und so eine Transformation einleiten will. In der GWÖ Regionalgruppe Bern-Biel engagieren sich Menschen mit ganz unterschiedlichen beruflichen Hintergründen, vom Physiker bis zu Agronomen, von Studentinnen bis zu Unternehmern, für eine menschliche und nachhaltige Zukunft. «Wir stehen noch am Anfang, doch wir nehmen Fahrt auf», sagt eine Teilnehmerin des Unternehmens-Treffs in Bern.

 

 

 

10. August 2020
erstellt von «pfarrblatt» online
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