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News-Artikel

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Wo Zeitströme sich treffen

Begegnungen mit Kunstwerken in Ausstellungen, Museen oder ganz zufällig, zum Beispiel in der Aula eines öffentlichen Gebäudes, inspirieren mich. Wenn ich im Kunstwerk etwas vom Lebensgefühl des Künstlers wahrnehme, von seinem Ringen spüre, was er freizusetzen suchte und mir eine Ahnung seiner schöpferischen Intuition zuteil wird, entsteht eine Verbindung besonderer Art, sehr direkt und existenziell. So stand ich vor einiger Zeit staunend in einer Aula vor Gemälden des Künstlers Antonio Máro. Seine grossflächigen Gemälde mit ihren kräftigen, aber nicht schreienden, sondern tiefgründigen, dramatischen Farben zogen mich an und seine Art der Abstraktion war mir zugänglich. Kurz: die Gemälde sprachen mich an, besonders die beiden mit dem Titel «Kairos» und «Chronos», denen ein Kommentar des Arztes Guido Zäch zugefügt war: «Kairos – der richtige Augenblick. Wo Zeitströme sich treffen, quadrieren sich ihre Wirkungen. Die irdische Aufgabe, im Zeitstrahl den nutzbaren, sinnerfüllten Zeitpunkt zu treffen, geht einher mit lebendiger Selbstfindung im eigenen Leben... 
Chronos – der unablässige Lauf der Zeit. Die Zeit als alles bestimmende Grösse unseres Daseins und unbeeinflussbare vierte Dimension im Raum kennt in ihrer Absolutheit weder Anfang noch Ende. Zeit lässt geschehen und bewirkt Geschichte ...» 
Die Gemälde des Künstlers, der Kommentar des Mediziners und meine Deutung des Lebens als Theologin trafen sich an diesem Tag so ganz überraschend. Ich war glücklich – noch viel mehr – als mir in der Mitte dieser besonderen Begegnung zuinnerst Jesu Ruf gegenwärtig wurde, den er an alle Menschen richtet, welcher beruflichen Disziplin, in welcher Situation auch immer: Die Zeit ist erfüllt («Kairos»), das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium! (Mk 1,15). Hinkehr zu Ihm, der das Evangelium in Wort, Tat und Person ist, bewirkt, seinen Ruf als befreiende Freudenbotschaft zu verstehen: Wendet euch dem Leben zu, das ich euch zeigen will. 
Ich schöpfte Freude aus dieser Begegnung und ging weiter, die Welt und das Leben mit Sehnsucht zu erkunden, denn sie sind durchsichtig für die Wirklichkeit des Reichs Gottes. Dabei bekam Jesu Wort vom Nicht-Sorgen für mich einen neuen Geschmack: Sorge dich nicht, lebe vertrauensvoll im «Chronos» deiner Tage, lebe in Demut, ohne etwas erhaschen zu wollen. Geh achtsam, denn jeder Tag birgt den «Kairos», Ihm zu begegnen und die Wirklichkeit des Reichs Gottes zu erahnen, das Er auferbaut. Du bist Teil davon, lebe hingebungsvoll, schöpferisch zur Ehre Gottes.
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Antonie Aebersold-Stängl (1952) Theologin, Gemeindeleiterin St. Mauritius, Frutigen. Autorenportraits

9. Februar 2012