Sich zurückziehen und sich nicht so wichtig nehmen. Foto: pixelklex / photocase.de

Spartanisch, einfach, unverfälscht

Ein Buch beeindruckte mich in den letzten Monaten besonders: «Walden oder Leben in den Wäldern» von Henry David Thoreau. Mitte des 19. Jahrhunderts zog sich der amerikanische Schriftsteller und Philosoph für zwei Jahre zurück. Im kleinen Ort Walden Pond, unweit von Boston, baute er sich eine Hütte mitten in einem Wald, am Rande eines Sees.

Seine Motivation für den Rückzug war sein Wunsch, «dem wirklichen Leben näherzutreten». Er wollte lernen, was das Leben zu lehren hatte. Sodass er, wenn es um das Sterben ginge, nicht einsehen müsste, nicht gelebt zu haben. «Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.» Thoreau suchte die Einfachheit und plädiert für Vereinfachung: «Lass deine Geschäfte zwei oder drei sein, sage ich dir, und nicht hundert oder tausend.» Gemäss Thoreau kann überflüssiger Reichtum nur Überflüssiges erkaufen. Die Lebensbedürfnisse der Seele aber kosteten kein Geld. «Es wird zu schnell gelebt», schreibt der Amerikaner in seinem 1854 veröffentlichten Buch.

Ich frage mich bei der Lektüre: Das Leben vor 164 Jahren zu schnell gelebt? Was würde Henry David Thoreau sagen, wenn er sehen würde, mit welcher Geschwindigkeit wir heute durch unser Leben gehen? Immer wieder übertrage ich Thoreaus Zeilen auf die heutige Zeit. Seine Gedanken könnten aktueller, dringender nicht sein. «Wir übertreiben die Wichtigkeit von allem, was wir tun, und wie vieles geschieht doch ohne uns!»

«Wir nehmen uns die Zeit» im Überblick

 

 

 

Nicola Mohler, 35, arbeitet für die Zeitung «reformiert.». Sie hat Arabistik studiert, mehrere Jahre im Nahen Osten gelebt und gearbeitet. Sie ist Mutter und lebt heute in Muri.

 

 

17. Oktober 2018
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 43-44
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