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Beschreibt die Jesusbewegung als «Nachfolgegemeinschaft von Gleichgestellten»: Die Theologieprofessorin Elisabeth Schüssler Fiorenza. Foto: KNA-Bild, Wolfgang Radtke

«Zu ihrem Gedächtnis»: Elisabeth Schüssler Fiorenza (1983)

Eigentlich müsste sie bei jeder christlichen Verkündigung, in jedem Gottesdienst, jeder Eucharistiefeier genannt werden. Jesus selbst hat es so gewollt: «Überall auf der Welt, wo das Evangelium verkündet wird, wird man sich an sie erinnern und erzählen, was sie getan hat» (Mk 14,9). Um wen es hier geht und womit sich diese Frau, deren Namen trotzdem in Vergessenheit geraten ist, diese besondere Würdigung verdient hat? Lesen Sie es nach im Markusevangelium, am Anfang des 14. Kapitels!
Dass diese Frau, die Jesus vor seinem Tod gesalbt hat, den ihr von Jesus zugesprochenen Ehrenplatz im kollektiven Gedächtnis des Christentums nicht bekommen hat, ist symptomatisch für das «Vergessen» so vieler anderer Frauen aus der Frühzeit des Christentums und damit auch für die Marginalisierung von Frauenperspektiven in grossen Teilen der Kirche(ngeschichte). Und gerade der Wiederentdeckung dieser verdrängten Frauen nahmen sich Theologinnen in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts konsequent an.

Eine der profiliertesten katholischen Exegetinnen ist die deutsche Theologin Elisabeth Schüssler Fiorenza. Nach ihrer Promotion in Münster lehrte sie seit 1970 in den USA, seit 1988 in Harvard. 1983 veröffentlichte sie ein in 13 Sprachen übersetztes, weg-weisendes Buch zur Frühgeschichte des Christentums, das die Frau aus dem Markusevangelium, die Jesus gesalbt hat, im Titel führt: «‹Zu ihremGedächtnis…› Eine feministisch-theologische Rekonstruktion der christlichen Ursprünge.» Darin beschreibt Schüssler Fiorenza die frühe Jesusbewegung als «Nachfolgegemeinschaft von Gleichgestellten» und stellt diesen Ursprungsimpuls den patriarchalisierenden Tendenzen gegenüber, die bald darauf an Einfluss gewannen. «Kirche mit*» ist in diesem Sinne eine Kirche, die auf der Weisheit und Kraft der salbenden Frau, der Osterzeugin Maria von Magdalas und all der anderen bekannten und unbekannten Frauen (und Männer) gründet. Eine Kirche, die Kreativität und Kompetenz von Theologinnen wie Elisabeth Schüssler Fiorenza, die gegen das Vergessen und Verdrängen anschreiben, dankbar würdigt und so zu einer geist-erfüllten, befreienden Bewegung wird, die Frauen, Kindern und Männern auch heute Lebensperspektiven und Heimat geben kann.

Detlef Hecking

Lesetipp: Wer waren die ersten Christinnen? Welt und Umwelt der Bibel 4/2015 (Nr. 78), erhältlich bei der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks, www.bibelwerk.ch und info(at)bibelwerk.ch

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13. April 2016
erstellt von «pfarrblatt»
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