Verschiedene Frauengestalten an der Openair-Ausstellung «50 Jahre Frauenstimmrecht» in Bern. Foto: Vera Rüttimann

Bern im Bann mutiger Frauen

Ein Frauen-Openair würdigt in Bern das Jubiläum «50 Jahre Frauenstimmrecht». Gezeigt werden 52 Frauenporträts aus allen sozialen Schichten, darunter Gertrud Heinzelmann, die am Zweiten Vatikanischen Konzil eine Eingabe für das rauenpriestertums machte.

Vera Rüttimann, kath.ch

Es schneit heftig an diesem Vormittag in der Berner Altstadt. Dennoch sind auffällig viele Leute in der Herrengasse, der Münstergasse und auf dem Münsterplatz. Ihre Blicken steigen die Fassaden von Häusern und Wänden von Durchgängen hoch. Es gibt 52 Porträts von Frauen zu entdecken. Lanciert wurde die Freiluft-Ausstellung in der Berner Altstadt vom Verein Hommage 2021.

Die schwarzweiss gehaltenen Fotos kommen äusserst lebensnah daher. Einige Frauen tragen einen altmodischen Kopfschmuck, anderen ein Ordensgewand. Ihre Blicke sind kritisch, neugierig oder aufmunternd.

Ihre Konterfeis ziehen die Blicke der Passanten auf sich. Über einen QR-Code können sie die spannenden Zitate und Geschichten der Frauen via Handy abrufen. Unter den portraitierten Frauen sind auch katholische Kämpferinnen für die politische Gleichstellung der Frau zu entdecken.

Ausbruch aus konservativen Zwängen

Beim Betrachten der Porträts hat wohl mancher Besucher Petra Volpes Film «Die göttliche Ordnung» im Kopf. Die Regisseurin reist darin in das Jahr 1971 zurück.

Die gewährten Einblicke in beengte Verhältnisse und in die klassische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau lassen erahnen, wie schwierig die Zeiten für Frauen manchmal gewesen sein mussten. Gerade in katholischen Stammlanden. Sie sassen zuweilen wohl buchstäblich zwischen den Stühlen.

Lehrerin nicht nur in der Schule

Wie Madeleine Emma Joye-Thévoz, deren Konterfei an der Wand einer Seitengasse klebt. 1906 in Freiburg geboren, besuchte sie schon mit 18 Jahren Kursangebote der Schweizer Frauenrechtsbewegung.

In einer damals stark konservativ-katholisch geprägten Stadt wie Freiburg war das ein mutiger Schritt. Von 1952 bis 1967, erfahren die Besucher auf ihrem Smartphone, war sie Präsidentin des Freiburger Verbands für das Frauenstimmrecht. Als Lehrerin für Staatsbürgerkunde animierte sie später viele junge Frauen, für ihre Ziele zu kämpfen.

Soziale Pionierinnen

Unter den Frauen, die in der Berner Altstadt auf den braunen Hausfassaden aus Sandstein prangen, sind auffällig viele, die sich sozial engagiert haben. Darunter ist auch Josephine Keiser. Die1875 in Flüelen geborene Urnerin besuchte die katholischen Mädcheninstitute von Menzingen ZG und Sondrio (Italien).

Das konnte sie nur, weil ihre Eltern begütert waren. Weil die Innerschweizerin selbst erfahren hat, wie wichtig Bildung ist, setzte sie sich zeitlebens für die Verbesserung des Bildungs- und Gesundheitswesens ein.

So engagierte sie sich unter anderem im «Verein für Kranken- und Wochenpflege im Kanton Zug» und im «Zugerischen Katholischen Frauenbund». Sie war zudem Mitbegründerin und Leiterin im «Frauenhilfsverein Zug». Im Marienheim am Zugersee entstand unter ihrer Ägide eine Töchterfortbildungs- und Haushaltungsschule.

Zu den in der Altstadt gezeigten Frauenporträts gehört auch Selina Dätwyler-Gamma (1902 – 1993). Sie betreute während des Zweiten Weltkrieges die Soldatenhilfe Uri und war die erste Präsidentin des Freiwilligen Frauenhilfsdienstes im Kanton.

Anwältin, Nationalratspräsidentin, SKF-Frau

Viele Bilder in dieser Ausstellung werden anders betrachtet, wenn der Besucher weiss, dass bei der ersten eidgenössischen Abstimmung über das Frauenstimmrecht vom 1. Februar 1959 nur ein Viertel der katholischen Männer die Slogans des katholischen Frauenbundes unterstützten.

Eine Frau, die die aufgeheizte Stimmung, die damals im SKF herrschte, hautnah miterlebt hat, war Elisabeth Blunschy-Steiner, die von 1957-1961 deren Präsidentin war. In der Openair-Ausstellung ist die 2015 verstorbene langjährige CVP-Politikerin in der Münstergasse zu finden.

Auch sie gehört zu den Motiven, die an diesem Vormittag häufig mit dem Smartphone geknipst werden. Die gebürtige Schwyzerin legte eine steile politische Karriere hin. Sie war nicht nur eine Symbolfigur für das Engagement katholischer Frauen für das Frauenstimmrecht. Bei den Nationalratswahlen 1971 gehörte die engagierte Anwältin zu den ersten zwölf gewählten Frauen. 1977 wurde sie die erste Nationalratspräsidentin der Schweiz.

Steile Karriere in der Politik

Fünf der Nationalrätinnen waren Katholikinnen. Neben Hanny Thalmann, Helen Meyer war dies auch Josi Meier, deren Konterfrei ebenfalls in der Münstergasse an der Wand klebt. Wie Elisabeth Blunschy-Steiner stiess «Josi» (wie sie von vielen nur genannt wurde) bei ihrem Wunsch, Jura zu studieren, auf heftige Vorurteile und Hindernisse.

Dennoch öffnete sie 1951 ein Anwalts- und Notariatsbüro in Luzern. Das CVP-Urgestein engagierte sich während ihrer politischen Laufbahn auf unzähligen Podien für das Frauenstimmrecht. Wie Elisabeth Blunschy-Steiner gelang ihr eine steile Karriere in der Politik: 1971 wurde Josi Meier in den Luzerner Grossrat und auch in den Nationalrat gewählt. Danach folgten zwölf Jahre im Ständerat, dessen Präsidentin sie von 1991 und 1992 war. Als erste Frau, wohlgemerkt.

Stimme für das Frauenpriestertum

Zu den Frauen, die nicht in der Ausstellung zu vertreten sind, gehört auch die aus dem Freiamt stammende Gertrud Heinzelmann. Sie gehörte nicht nur zu den profiliertesten Frauenrechtlerinnen, sondern war eine bedeutende Stimme für das Frauenpriestertum.

Die ehemalige Zentralpräsidentin des Schweizerischen Frauenstimmrechtsverbandes verlangte in einer Eingabe am 23. Mai 1962 an das Konzil das Frauenpriestertum. Gertrud Heinzelmann sorgte damit weit über die Schweiz hinaus für Aufsehen. Weil niemand ihre feministischen Bücher drucken wollte, gründete sie 1964 mit Interfeminas kurzerhand ihren eigenen Verlag.

Eigene Bücher

Mit im Verbund waren zwei Frauen mit ausgeprägten Führungsqualitäten: Da war die katholische Feministin Lotti Ruckstuhl aus Wil (SG), die den Schweizerischen Stimmrechtsverband von 1960 bis 1968 präsidierte.

Die dritte im Bunde war Lydia Benz-Burger, die unter anderem von 1968 bis 1971 den Schweizerischen Verband der Akademikerinnen präsidierte. Aus dem Interfeminas-Verlag entstand schliesslich eine Stiftung gleichen Namens, die feministische Publikationen unterstützt.

Apropos Feminismus: Zu erwähnen ist hier auch Marga Bührig, die viele Jahre mit ihren Lebenspartnerinnen Else Kähler und Elsi Arnold in Binningen verbrachte. Ihr ganzes Leben lang engagierte sich die Germanistin und reformierte Theologin für die Rechte von Frauen und Homosexuellen.

Feministischer Bücherrausch

Wenn man in der Berner Altstadt umher flaniert, gelangt der Passant immer wieder an Buchläden. Darunter sind einige besonders schöne. Wie die über und über mit wunderbar gestalteten Büchern gefüllte Buchhandlung zum Zytglogge an der Hotelgasse 1. Nicht nur dort sind jetzt in den Schaufenstern viele neue Publikationen ausgelegt, in denen mutige Frauen im Mittelpunkt stehen.

So trifft man auf Lesestoff wie die dicht geschriebene Biographie «Die illegale Pfarrerin. Das Leben von Greti Caprez-Roffler. 1906 – 1994». Nachdem sie in den 1920er-Jahren an der Universität Zürich Theologie studierte, musste Greti Caprez-Roffler viele Jahre hart um ihre Ordination als Pfarrerin kämpfen.

1931 wurde sie zur ersten vollamtlichen Pfarrerin der Schweiz gewählt. Erst 1963 jedoch wurde sie im Zürcher Grossmünster ordiniert. Da war sie bereits 57 Jahre alt und fünffache Grossmutter.

Bern, das ist ganz unzweifelhaft so, steht in diesen Tagen im Bann mutiger und starker Frauen. 

 

 

 

18. Februar 2021
erstellt von «pfarrblatt»
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