Das Herz fasziniert Prof. Thierry Carrel noch heute. Foto: Omer Salom, unsplash.com

Zwischen Mystik und Mechanizismus

Kein anderes Organ hat die Menschheit derart beflügelt, unserer Philosophie und unserer Spiritualität einen Ort gegeben und unsere Sprache mit unzähligen Redewendungen bereichert: das Herz im Fokus des bekannten Berner Chirurgen Prof. Thierry Carrel.

von Prof. Thierry Carrel, Direktor der Universitätsklinik für Herz- und Gefässchirurgie, Inselspital Bern


«Etwas auf dem Herzen haben». «Sich etwas zu Herzen nehmen». «Sein Herz ausschütten». «Ein Herz und eine Seele». «Es bricht mir das Herz». «Das Herz am rechten Fleck haben» – das Herz bereichert unsere Sprache mit unzähligen Redewendungen.
Zum Valentinstag – der keine Erfindung der Floristen ist, wenngleich sie tatkräftig zur Verbreitung beigetragen haben, und der stattdessen auf das Fest des heiligen Valentinus zurückgeht – sagen wir: «Ich schenke Dir mein Herz ...». In der Überlieferung war Valentinus im Römischen Reich ein Kämpfer für die Liebe. Er traute Soldaten, denen das Heiraten verboten war und feierte während der Christenverfolgungen christliche Gottesdienste. Er trat für seinen Glauben und seine Überzeugung ein und bezahlte dies als Märtyrer unter dem römischen Kaiser Claudius II. mit dem Leben.

Unsere Sprache macht viele Hinweise auf die enge Korrelation zwischen unserem Herzen und unserem Gemütszustand, unserer Seele. In Saint-Exupérys Spätwerk «Der kleine Prinz», ein Jahr vor seinem Tod verfasst, heisst es: «Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar». In dieser Philosophie ist der Geist das eigentliche schöpferische Wesen. Der Geist beseelt und macht uns einzigartig und unverwechselbar. Unser Körper dagegen ist nur eine Hülle. Wenn der Körper verlassen wird, lebt der Geist fort.

Im christlichen Glauben wird die Herzmetaphorik auf das Leiden Jesu Christi übertragen: Das Herz als Symbol des liebenden und leidenden Christus. Ob Philosoph, Künstler, oder Arzt – jeder hat seine ganz eigene Sichtweise auf das Herz. Und doch lassen sich die unterschiedlichsten Standpunkte in einem Satz vereinen: «Das Herz ist Motor und Taktgeber des Lebens». Das Herz – ein universales Sinnbild des Menschen.
Das Herz in Mythen, Religion, Literatur, Kunst und Philosophie gibt es seit Anbeginn der Menschheit. Die medizinischen Erkenntnisse zur Herzbeschaffenheit und -funktion hat sich der Mensch erst sehr spät erarbeitet. William Harvey beschreibt 1628 erstmalig in seiner Schrift «Exercitatio anatomica de motu cordis et sanguinis in animalibus» den Blutkreislauf und damit das Herz als Blutpumpe und zugleich Motor des Lebens.

Operieren am Herz ist keineswegs nur die Reparatur einer Pumpe. Der Patient will nicht auf eine Maschine reduziert werden. Das Herz behandeln heisst auch, «mit Gefühl» Mitgefühl zeigen. Haben wir nicht alle ein Herz? Wie oft haben Sie heute schon an ihr Herz gedacht? Solange das Herz einwandfrei arbeitet, drängt es sich nicht allzu sehr in unser Bewusstsein. Dabei können wir das Herz als Organ durchaus wahrnehmen. Es reagiert mit seinen Schlägen, mal schneller, mal langsamer, auf körperliche Anstrengung und Emotionen.
Das Herz ist quasi stets «am Puls der Zeit». Das Leben hängt am Herz. Spätestens sobald Störungen auftreten, wenn das Herz aus dem Takt gerät oder ihm die Kraft fehlt, kommen die hilfesuchenden Fragen. Hier kommen sich Leben und Tod sehr nahe. Hier können Ängste, ja Todesängste entstehen.

Auf meinen Vorträgen spüre ich manchmal ganz gegensätzliche Erwartungshaltungen des Publikums an einen Herzchirurgen: Für die einen sollte ich am liebsten sagen, dass das Herz ein mit Menschenkraft nicht fassbares Mysterium ist und für die anderen, dass das Herz nichts weiter ist, als ein sich stetig kontrahierender Hohlmuskel, den wir auseinanderschneiden und wieder zusammennähen können und in welchem wir Einzelteile reparieren oder ersetzen können. Weder die reine Mystik, noch das allzu mechanistische Weltbild kann ich bedienen. So bleibt das Herz nach vielen Berufsjahren immer noch ein Faszinosum, das im Stande ist, mit überraschenden Schicksalswendungen aufzuwarten.

Trauer und negativer Stress macht unser Herz krank. Immer häufiger erscheinen nun auch ernstzunehmende wissenschaftliche Studien, die unser Herz und unsere Psyche, also unser Seelenheil, in Verbindung bringen. So wurde beispielsweise gerade gezeigt, dass Verkehrslärm zur Nacht, mit zu kurzem oder unterbrochenem Schlaf, das Risiko erhöht, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu entwickeln.

In einer Epoche, die bereits klar auf der Trennung von Glauben und Wissen bestand, vertrat der französische Philosoph Blaise Pascal (1623-1662) das Prinzip der Einheit allen Seins. Die menschliche Vernunft könne nicht allein nur auf Wissenschaft beruhen. Nur das Zusammenspiel von Verstand und Herz könne Grundlage menschlichen Erkennens sein, und stelle damit auch die religiöse Frage nach Grund und Ziel des Daseins.

In den Prophetenbüchern des Alten Testaments verkünden die Propheten eine Botschaft, die ihnen durch göttliche Eingebung oder Vision aufgetragen wurde. Bei Jeremia heisst es, dass Vergebung im Falle der Umkehr zu Gott erwartet werden darf. Gott wird die Gebete erhören, neues Heil bringen und sich von allen, die ihn von Herzen suchen, finden lassen. Er wird den Bekehrten ein neue Liebe zu Gott ermöglichen, indem er ihnen ein verwandeltes Herz schenkt, das ihn erkennt. So heisst es im Buch Hesekiel: «Ich gebe euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Ich nehme das versteinerte Herz aus eurer Brust und schenke euch ein lebendiges Herz» (Hes 36,26). Mit einem neuen Herzen von Gott wohnt ein neuer Geist in uns inne, der uns hilft, einen neuen, klaren Blick auf das Leben zu erhalten. Und es reift in uns die Erkenntnis, dass wir unser Leben nicht uns selbst verdanken.

 

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Vortrag und Gespräch mit Prof. Thierry Carrel

Das Herz als Organ und als Begegnungsraum Gottes

Sonntag, 19. April, 18.00, Kirche Dreifaltigkeit, Bern.

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Infos zur «Herz»-Veranstaltungsreihe der Dreif

 

 

5. Februar 2020
erstellt von «pfarrblatt» Nr. 4
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