pfarrblatt:

Teil 3

St. Beatus - der Heilige am Thunersee

Schweizweit finden sich Zeugnisse von Volksglauben. Pier Hänni hält im Berner Oberland stets die Augen und Ohren dafür offen. Fürs «pfarrblatt» hat er die Sage von St. Beatus genauer unter die Lupe genommen.


Fotos: Pia Neuenschwander

Als Kind hörte ich in lokalen Geschichten erstmals vom heiligen Beatus. Lange sah ich ihn als realen Menschen, der heldenmütig einen Drachen bezwungen hat. Heute scheinen mir diese Sagen und sein einstiges Höhlenrefugium anschauliche Beispiele dafür zu sein, wie tief Volksglaube wurzelt und wie viele jahrtausendealte Erfahrungen von primitiven Gesellschaften und Hochkulturen darin nachhallen. In seiner «Einführung in das Wesen der Mythologie» weist Carl G. Jung darauf hin, «dass die primitive Mentalität keine Mythen erfindet, sondern sie erlebt.» In den 1960erJahren eröffnete sich mir erneut ein Zugang zur Tiefe der alten Sagen, als jemand einige Geschichten derart anschaulich erzählte, dass man sie zu erleben glaubte. Wenn dies an einem sagenumwobenen Ort geschieht, kann in der Psyche, der Seele, so manches berührt werden, was über Jahrhunderte in Vergessenheit geraten ist.

Volksglaube: ein kultureller Schmelztiegel

Heute geht man davon aus, dass unser Volksglaube in einer Vermischung keltisch-römischer Mythologie gründet. Dies zeigt sich in alten Sagen und Bräuchen. Manche sind mit Legenden des frühen Christentums verbunden – wie jene von Beatus. Nun hatten die Römer ihre Mythologie oder Religion weitgehend von den Griechen übernommen und ihrer Kultur angepasst. Die Kelten und ihre Cousins in den nordischen Kulturen integrierten wohl Teile der alteuropäischen Naturreligion. Akteure und Handlungen der alten griechischen und keltischen Sagen reichen also auf wesentlich ältere Kulturschichten zurück. Auf dieser durchmischten Schicht – diesem Amalgam der Kulturen – spross das frühe Christentum in Süd- und Westeuropa. Dessen Heiligenlegenden traten für die lokalen Gläubigen anstelle der Legenden heidnischer Gottheiten und Helden. Offenbar haben also die ältesten Sagen und Bräuche der europäischen Volksgruppen im Kern jahrtausendealte Wurzeln. Der Volksglaube ist ein Teil dieser Überlieferung, die sich über die Jahrhunderte bis in unsere Zeit mit Einflüssen vermischte. Diese kulturelle Vielfalt und historische Tiefe gilt es zu achten, wenn vom Volksglauben die Rede ist.

Ein Volksheiliger

Bei der Beatushöhle am Thunersee finden wir verschiedene Formen alter Naturheiligtümer. Die Wohnhöhle diente Menschen seit den Jägern und Sammlern der Mittelsteinzeit bis zur Reformation als Unterschlupf, Wohnort und Heiligtum. Im frühgeschichtlichen Europa waren viele solcher Ahnenhöhlen Kultplätze. Quellgrotten zum Beispiel waren schon für die Griechen sakrale Orte. Sie blieben es bis in unsere Zeit. In Europa findet man zahlreiche Kapellen oder Kirchen, die an oder über Quellen gebaut wurden, und Quellgrotten, die der Madonna oder Heiligen geweiht wurden.

Beatus selber erscheint in den Volkssagen wie ein Druide oder Schamane. Wie diesen wurden auch ihm Zauberkräfte nachgesagt – er soll einen Drachen vertrieben haben –, ebenso die Freundschaft mit Naturgeistern und magische Heilkräfte. Ein kleiner Vers zeugt davon, dass man sich von ihm gar Wunderheilungen erhoffte. Ein Bauer mit einem Laib Käse auf der Schulter soll den Einsiedler angesprochen haben: «Min lieba Sankt Batt. Disen Chäs schickt dir min Att. Är het bösi Scheichen. Wöllst ihm Besserung verleichen.» Später wurde die Reformation im Stadtstaat Bern radikal umgesetzt. Die Klausenhöhle von Beatus wurde ab 1526 zugemauert, jedoch wiederholt heimlich von Pilgern geöffnet. Beatus aber behielt seine Stellung als lokaler Volksheiliger, ähnlich wie Christophorus, dessen Bildnisse in verschiedenen Kirchen entlang des Jakobswegs von der Grenze nach Deutschland über Genf bis hin nach Portugal gut erhalten sind.

Lokale Volkssagen «

Wie einst Prophet Elia von Raben gespeist wurde, sorgten Zwerge unserem Apostel für seinen leiblichen Unterhalt» (Hermann Hartmann: Berner Oberland in Sage und Geschichte, 1913). Sie sollen ihm Pilze und Beeren gesammelt, aus der Milch der Gämsen Käse gemacht, am Bach einen Gemüsegarten angelegt oder ihm Heilkräuter geholt haben. Beatus teilte alles mit jenen, die bei ihm Heilung oder Trost suchten. Gelegentlich gefragt, ob er das «heidnische Volk» getauft habe, antwortete der Heilige, dies sei nicht nötig, weil sie einer Schöpfung angehörten, die keine Sünde kenne.

An einem kalten Wintermorgen wollte Beatus seinen Freund Justus in Einigen besuchen. Um auf dem vereisten Weg zum See hinunter nicht hinzufallen, nahm er einen Zaunpfahl als Stock. Als er wie üblich seinen Mantel auf dem Wasser ausbreitete, um auf ihm über den See zu fahren, drehte sich dieser im Kreis und wollte seinem Willen nicht gehorchen. Da fiel ihm ein, dass er Eigentum des Bauern mitgenommen hatte. Kaum hatte er seine Unachtsamkeit bemerkt, glitt der Mantel ans Ufer zurück. Beatus stieg den Hang hinauf und steckte den Pfahl am Rand der Wiese in den Boden. Darauf glitt er auf seinem Mantel «einem Schwane gleich» über den See (Hartmann).

Es war auch in Einigen, als am Ostersonntag die kleine Gemeinde im voll besetzten Kirchlein müde wurde und einschlief. Beatus schaute besorgt um sich und entdeckte unter der Kanzel den Teufel. «Dieser schielt herum und verzeichnet auf einer Bockshaut, wer der Seele Heil versäumt» (Hartmann). Beatus wünschte, er könnte die Schlafenden wecken, damit sie nicht das Amen verpassen und in die Gewalt des Teufels fallen würden, doch der Gottesdienst durfte nicht gestört werden. Schliesslich musste der Teufel die Haut zwischen Zähne und Klauen spannen, um noch Platz zu finden. Da riss die dünn gewordene Haut und des Teufels Kopf schlug mit lautem Knall gegen die Wand, worauf die Schlafenden aufgeschreckt gerade noch in das Amen einstimmen konnten. Bis heute erinnert ein kleiner Teufelskopf an einem der Deckenbalken an diese Überlieferung.  

 

 

 



Pier Hänni
ist freischaffender Autor, Kursleiter und Führer von Themenwanderungen im Berner Oberland. Er erforscht seit 50 Jahren geistige Traditionen, Naturmythologie, Volkskunde und die Wechselwirkung zwischen Bewusstsein und Natur.

www.alpenmagie.ch