Teil 3

Marias Mirakel

Oberdorf, das «solothurnische Einsiedeln»

Oberdorf ist ein sehr alter Marienwallfahrtsort am Fuss des Weissensteins. Als ihn Papst Clemens VIII. zum solothurnischen Einsiedeln aufwertete, erlebte er eine zusätzliche Blüte. Von Hoffnungen und Gebetserhörungen – auch ohne Mirakelbuch.

Text: Anouk Hiedl
Fotos: Pia Neuenschwander

Seit Jahrhunderten zieht das goldene Gnadenbild der Marienkirche Oberdorfs Menschen aus nah und fern an.
Pius Portmann bei den alten Glocken von Oberdorf

Pius Portmann, 78, ist in Oberdorf aufgewachsen. Der ehemalige Schriftsetzer und Sozialpädagoge wohnt seit seiner Pensionierung wieder hier. Streng katholisch erzogen war er bis zu seiner Jugend ein «eifriger Kirchgänger» erzählt er im Gespräch. In den 1950ern erlebte er, wie die neuen Kirchenglocken mit Ross und Wagen nach Oberdorf gebracht wurden. «Mit der ganzen Schule machten wir eine lange Kolonne und zogen sie an einem Seil auf den Turm hinauf.» Die alten Glocken stehen heute am Fuss des Kirchturms, ein paar Etagen unter ihren Nachfolgerinnen. Die grösste und älteste ist der Kirchenpatronin Maria geweiht.

«Zu Palmsonntag stellten wir jeweils eine Tanne in die Kirche, je höher, desto besser», erinnert sich Pius Portmann weiter. «Einmal wurde es wacklig. Ohne das beherzte Eingreifen eines Bauern hätten wir damit eine der Nonnen in der vordersten Reihe erschlagen.» Als Ministrant sah er gut auf das grosse dunkle Gemälde hinter dem Hochaltar, das Mariä Himmelfahrt darstellt. «Für mich sah es aus, als ob Maria darauf eine Bergschneise runterrutscht.» Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil kam man auch in Oberdorf vom alten lateinischen Ritus ab und feierte am Volksaltar, der etwas tiefer und weiter vorne steht. «Von den Älteren goutierten das damals nicht alle», so Pius Portmann. Zum 400. Jubiläum der 1615 eingeweihten Kirche schrieb er einen Theaterspaziergang, der die Zuschauenden in die Zeit des Kirchenbaus zurückversetzt. Elf Erwachsene und fünf Kinder spielten unter seiner Regie drei Freilichtszenen, bei denen die Bauern, zwischen ihren Feldern und der Fronarbeit für den Kirchenbau hin- und hergerissen, schliesslich eine Auseinandersetzung mit dem Baumeister der «Gnädigen Herren» austragen.

Dörfliche Idylle: ein altes Mühlrad im rauschenden Bach unterhalb der Kirche.

Zeitlose Zuflucht

Schon von weitem leuchten einem die roten Türmchen, grünen Turmdächer und goldenen Spitzen der erhöht stehenden Kirche Maria Himmelfahrt von Oberdorf SO entgegen. Weiss getüncht und mit Ziegeldach versehen wirkt das Gotteshaus wohnlich und einladend. Es steht neben dem gewinkelten Pfarrhaus sowie über den umliegenden Häusern und dem alten Mühlrad im Dorfbach. Auf dem hellen Jurastein des unverputzten Kirchturms kommen die rot-schwarzen Zifferblätter gut zur Geltung. Die Zeit lässt sich auf allen vier Seiten bis weit über die umliegenden Felder hinaus ablesen. Von Bäumen, Hecken und dem Friedhof gesäumt, strahlt die Kirche Ruhe und Kraft aus und mutet zeitlos, ja fast märchenhaft, an.

Ausgrabungen deuten darauf hin, dass in Oberdorf bereits im 8. Jh. eine kleine Saal- bzw. Marienkirche stand. In der Frühen Neuzeit erlebte die Wallfahrt eine Blütezeit.

Gemäss dem ehemaligen Oberdorfer Pfarrer und Domherrn Johannes Mösch sind Wallfahrten nach Oberdorf seit dem 15. Jh. schriftlich belegt. «In allgemeinen Prozessionen, in grössern und kleinern Gruppen, noch öfter familienweise oder einzeln zogen die Pilger nach Oberdorf, um Maria ihre Anliegen anzuempfehlen und sie um ihre Fürsprache zu bitten. Die Verehrung Unserer Lieben Frau von Oberdorf reichte bis [...] in die Gemeinden des Kantons Luzern.» So wurde die baufällige Kirche Oberdorfs Anfang des 16. Jh. samt Turm und alter Pfarrwohnung neu gebaut.

Die Marienkirche Oberdorfs von Westen her gesehen.

1595 erliess Papst Clemens VIII. auf die Bitte des Solothurner Patriziers Hans Jakob vom Staal für Oberdorf ein besonderes Privileg: «Alle, die wegen Alter, Mangel an Zeit, Armut, körperlicher Schwäche, Kränklichkeit oder andern Ursachen [...] gehindert sind, [sollen] in Oberdorf die nämlichen Gnaden und Ablässe erhalten, wie wenn sie eine nach Einsiedeln versprochene Wallfahrt [...] ausgeführt hätten». In einer feierlichen Prozession wurde die päpstliche Bulle noch im selben Jahr nach Oberdorf gebracht. Durch diese Aufwertung gewann der Gnadenort weiter an Bedeutung. Fünf Jahre später begannen die Vorarbeiten zum Neubau der Kirche – die bisherige war zu klein geworden.

Gemäss dem Historiker Daniel Sidler gehörte Oberdorf – nebst Einsiedeln, Mariastein, Werthenstein, Hergiswald und Maria in der Au, der heutigen Franziskanerkirche in Luzern, zu einer der «bedeutendsten marianischen Kultstätten der katholischen Eidgenossenschaft». Die sakrale Aufwertung Oberdorfs zu einem kleinen Einsiedeln verortet er in den Strukturwandel des Wallfahrtswesens, der bereits im Spätmittelalter eingesetzt und zu einem «Rückgang von Fernwallfahrten etwa nach Rom oder Jerusalem und einer Zunahme von Bittgängen zu nahe gelegenen Kirchen und Kapellen» geführt habe. Indem man «ferne Gnaden» in die Nähe holte, ersparte man den Gläubigen bei der Erfüllung eines Gelübdes den langen und beschwerlichen Weg «zur originalen Kultstätte». Zudem förderte man damit «den Wallfahrtsbetrieb auf eigenem Herrschaftsgebiet – mit allen damit verbundenen ökonomischen Vorteilen.» In Oberdorf brachten Ratsherr*innen, Bürger*innen, Bauers- und Zunftleute, Pilgerinnen und Wanderer, Familien und Kranke der Muttergottes ihre Anliegen vor. Diese umfassten «Schwierigkeiten in Stall und Feld», ungünstiges Wetter, Krankheiten und Seuchen, das Wohl und den Schutz des eigenen Lebens, gerade auch in Kriegs- und Solddiensten, Feuersbrünste, «böse Zeitläufe» oder studentische «Examennöte».

Johannes Mösch hält in seinem Buch fest, dass man «von immer neuen Gebetserhörungen so überzeugt [war], dass man sie nicht erst aufschrieb». So hat Oberdorf kein Mirakelbuch. Einzig Pfarrer Johann Joseph Wirz schrieb um 1760 sechs Wunderberichte ins Jahrzeitbuch, «weiter bemühte auch er sich nicht». Im vierten heisst es, dass ein Kind aus der Pfarrei Aeschi sich eine Bohne in die Nase gestopft hatte. Diese konnte nicht mehr «hinausgebracht werden, dass also selbige darin hat angefangen vor Feuchtigkeit zu geschwällen, die Nasen angegriffen zum verfaulen». Als Eltern und Kind der Muttergottes in Oberdorf «ihr Anliegen anbefohlen, fiele die Bonen von sich selbst zur Nasen hinaus, als welche sie mir zur Zeugnuss im Pfaarhaus hindterlassen.»

Barockes Bijou

Üppig geschmückt: der Chorraum der Kirche.
Ein barockes Gesamtkunstwerk.

 

Von Norden her führt eine steile Treppe zur Kirche hinauf. Die eingemeisselte Jahreszahl 1604 über der Eingangstür erinnert an den Baubeginn dieser Kirche. Ab 1676 fertigten die Gebrüder Schmutzer aus dem bayrischen Wessobrunn im Innern meisterhafte Stuckaturen – am detailreichsten im Chorraum und in der Gnadenkapelle.

Zahlreiche zum Teil riesige Gemälde stellen Szenen aus dem Marienleben dar, die meisten aus dem 17. Jh. Dank der spendenfreudigen Solothurner Obrigkeit und Bevölkerung von damals und heute geht diese Ausstattung weit über die einer normalen Pfarrkirche hinaus.

Die Marienkapelle an der Ostseite entspricht in etwa der kleineren Kirche von vor 1604 und führt die alte Verehrungsstätte weiter. Das goldene Gnadenbild, eine sitzende Madonna mit Kind, stammt aus dem frühen 15. Jh. Beim Betreten der Kirche wird der Blick unweigerlich davon angezogen. Im Fürbittbuch auf dem Altar davor finden sich fast jeden Tag Einträge: Jung und Alt wenden sich in verschiedenen Sprachen und Schriften an Maria, zum Teil mit den gleichen Bitten und Danksagungen wie in der Frühen Neuzeit. Tröstlich, dass man an den vorderen beiden Kapellenwänden auf zwei alten Handschriften in Latein und Deutsch entziffern kann, dass das päpstliche Privileg von 1595 für «ewige Zeiten ertheilt» worden sei.

Der älteste Ort in der Marienkirche: die Gnadenkapelle.

Literatur

  • Mösch, Johannes: Unsere Liebe Frau von Oberdorf. Solothurn 1942.
  • Sidler, Daniel: Eine «miraculosische» Kirche Marias: Oberdorf als Gnadenort im konfessionellen Zeitalter, in: Jahrbuch für solothurnische Geschichte, Band 88 (2015), S. 51-72.

Oberdorf

Sonntagsgottesdienst jeweils um 11.00

Besonderes Patroziniumsprogramm vom 15. August (Mariä Himmelfahrt):

10.00 Festgottesdienst
15.00 «Zauberhafter» Gottesdienst (mit Zauberer)
16.30 Führung «Marienbilder und Marienfiguren in der Kirche Oberdorf» (nach der Innenrenovation von 2020)
17.30 Vesper-Andacht

Die traditionelle Oberdörfer Chüubi im Dorf fällt 2021 erneut aus.

Anfahrt

per ÖV: ab Hauptbahnhof Solothurn Bus Nr. 1 (Kante C, Richtung Oberdorf) bis Haltestelle Oberdorf, Dorfplatz (aufsteigender Fussweg zur Kirche) oder Oberdorf, Endhalt (ebener Fussweg)
Mit dem Auto: Autobahn A1 via Solothurn/Solothurn-West verlassen, dann Richtung Weissenstein bis Oberdorf fahren.
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