«Swiss Friends of Nigeria»

Humanitäre Hilfe trifft auf Herzlichkeit

von Dr. med. Helen Hochreutener, Kinderärztin, Interlaken

Letzten Winter reisten neun Schweizer*innen mit dem Priester Ignatius Okoli in sein Heimatland. In Nigeria realisierten sie mehrere gut geplante Projekte in den Bereichen Medizin, Soziales und Schule. Vor Ort stiessen sie auf Menschen, die ihre reiche Landeskultur herzlich teilten. Ein Panoptikum von Erinnerungen, Eindrücken und Erlebnissen.

«Swiss Friends of Nigeria» vor Ort (v.l.n.r.): Naomi Igbinigie, Lauryn Igbinigie, Marie-Louise Igbinigie, Adolf Schmitter, Dr. theol. Ignatius Okoli, Elizabeth Rosario Rivas, Dr. med. Helen Hochreutener, Isabelle Pfister, Jörg Rentsch, Dr. med. Sabina Kaufmann. Foto: zVg

Am 26. Dezember 2019 war es soweit.

Wir, neun «Swiss Friends of Nigeria», flogen unter der Leitung von Dr. Ignatius Okoli, leitender Priester in Interlaken, bis zum 10. Januar 2020 nach Nigeria. Mit an Bord waren zwei Ärztinnen, eine Krankenschwester, eine kirchliche Sozialarbeiterin, ein Software-Ingenieur, ein Gymnasialrektor und eine Kinderbetreuerin mit ihren beiden erwachsenen Töchtern. Weil ich vor zwei Jahren in Nigeria war, kannte ich die Situation im Land, im Gesundheits- und Schulwesen bereits. Als Schweizer Kinderärztin hatte ich mir Gedanken gemacht, wie wir Kinder und Jugendliche in Nigeria unterstützen können. Wir sahen gezielt kleinere Projekte vor, die unseren Möglichkeiten entsprachen und den Menschen vor Ort nachhaltig nützen würden. So bereiteten wir je zwei Medizin- und Schulprojekte vor.

Nigeria - Zahlen und Fakten

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Nigeria, Zusammenstellung von Adolf Schmitter

Medizinische Projekte in Ezira und Mbaise

Erstes Projekt

Unser erstes Projekt war, die Kinder im Dorf Ezira während zwei Tagen medizinisch zu versorgen. Dazu haben wir ein komplettes pädiatrisches Ambulatorium geplant, aufgebaut und betrieben. Alle «Swiss Friends of Nigeria» waren beteiligt. Isabelle Pfister, Pflegefachfrau und Expertin für Intensivpflege, führte das Labor, die Sozialarbeiterin Elizabeth Rosario Rivas das Dentalhygieneprojekt, und Naomi Igbinigie unterstützte das Ernährungsprojekt mit der vorgängigen Sponsorensuche für Spezialbabynahrung.

Kindermedizinisches Ambulatorium in Ezira 
Dentalhygiene


Zweites Projekt

In Mbaise hat die Familie Onyeaghala während vier Jahren ein Gemeindespital für die medizinische Grundversorgung aufgebaut. Unser zweites Projekt war, bei der Ausrüstung dieses kleinen medizinischen Zentrums mitzuhelfen. Dazu hatten wir im Voraus gebrauchte und recyclierbare Geräte bei Ärzt*innen im Berner Oberland gesammelt, und die Familie Onyeaghala hatte Weiteres bei Hiob International, Recycling & Humanitarian Aid for Hospitals, in Steffisburg dazugekauft. Diverse Berner Oberländer Kirchgemeinden machten dies mit ihren Sponsorbeiträgen möglich.

Gemeindespital Mbaise: Aufrüstung für die medizinische Grundversorgung auf dem Land

Schulprojekte in Adazi und Ifitedunu

An der «Loretto Science Secondary School» in Adazi und der «St. Mary’s High School» in Ifitedunu hielten wir Fachvorträge und tauschten uns mit Schüler*innen und Lehrpersonen aus.

Der Luzerner Gymnasiallehrer Jörg Rentsch lancierte vor Ort ein Projekt, bei dem nächstes Jahr eine Klasse in Nigeria und eine seiner Klassen in der Schweiz je einen Comicband entwerfen, gestalten und austauschen wollen.
Der IT-Software-Ingenieur Adolf Schmitter setzte zwölf gebrauchte Laptops und zwei Smartboards in Stand und rüstete sie mit einer englischen Version von Windows 10 auf. Freudig überreichte er sie den beiden Schulen.
Sponsor dafür war die Kirchgemeinde Interlaken.

Vorträge und IT für nigerianische Schulen

Die Sicherheitslage in Nigeria

Das Eidgenössische Departement für äussere Angelegenheiten (EDA) empfiehlt nicht, nach Nigeria zu reisen. Die Sicherheit sei aus drei Gründen nicht gewährleistet: Die politische Situation ist geprägt durch Korruption und Clan-Wirtschaft, Unruhen können jederzeit ausbrechen. Da wir in der Gruppe auf die Einladung und unter der Leitung des nigerianischen Priesters Dr. Ignatius Okoli reisten, haben wir nicht viel davon gespürt.

Hingegen haben die Menschen vor Ort selbst auf diese Missstände hingewiesen. Wir haben auch gesehen, dass die Infrastruktur wie das Verkehrsnetz, der Strassenzustand, die Versorgung mit Elektrizität, Wasser etc. sowie die Spitäler und Schulen des öffentlichen Sektors in einem desolaten Zustand sind. Auf dem Land leistet die katholische Kirche vor allem im schulischen, sozialen und medizinischen Bereich das Meiste, was in unseren Breitengraden eine Aufgabe des Staates ist.

Die wirtschaftliche Situation in Nigeria ist angespannt, weil viele Studienabgänger*innen keine adäquate Arbeit finden. Die Menschen haben uns in der Tat berichtet, dass sie trotz Master- und Doktoratsabschlüssen keine adäquate Anstellung im Land finden. So geht die Intelligentia oft ins Ausland und versucht, die Familie von dort zu unterstützen.

Nigeria verzeichnet auch eine hohe Kriminalitätsrate. Im Hotel und bei den Gastgebern, die wir besucht haben, waren wir sicher. Wir konnten uns jedoch nicht auf eigene Faust entfernen. Gemäss der diplomatischen Vertretung Nigerias in der Schweiz war unser einladender Priester für uns verantwortlich.

Die religiöse Situation ist in Nigeria ebenfalls sehr angespannt: Im Süden leben die christlichen Völker, die sich vor Jahrzehnten im Biafrakrieg abspalten wollten und deren Gedankengut immer noch zirkuliert. Im Norden leben die nomadischen muslimischen Völker der Fulani und Haussa, wo auch Boko Haram operiert und die Menschen in Schrecken versetzt. Laut Auskunft des EDA könnten in Nigeria jederzeit terroristische Unruhen ausbrechen.

Die gesundheitliche Situation

Wir haben uns ausschliesslich im christlichen Süden bewegt. Überall, wo wir hinkamen, waren wir willkommen. Die Menschen in Nigeria haben viele Ressourcen – vor allem das starke soziale Netzwerk in der Familie und unter Freunden – und einen starken Willen, aus der Armut heraus zu kommen und eine gute Ausbildung zu machen.

Wir lernten etwas von Nigerias Kultur kennen, sie ist reich an Musik, Tanz, Festen und Spiritualität. Viele Filme werden hier produziert, in «Nollywood», dem nigerianischen Pendant von Hollywood und Bollywood.

Nigeria hat allerdings mit grossen gesundheitlichen Herausforderungen zu kämpfen. Die Mortalität ist höher als in anderen Ländern, viele Menschen sterben an Malaria, Atemwegsinfekten inklusive Tuberkulose, Brechdurchfall oder bei Strassenunfällen. Nigeria, Tschad und die Republik Kongo weisen zusammen die höchste Kindersterblichkeit der Welt auf. Auch Unter- resp. Fehlernährung bei Säuglingen und Kleinkindern spielt eine wichtige Rolle.

Bei der Planung der medizinischen Grundversorgung sollten diese Faktoren deshalb gezielt angegangen und verbessert werden. Unsere kleinen humaitären Projekte gingen genau in diese Richtung. Vor allem aber gab unser Effort den Menschen vor Ort Hoffnung.


Die 10 häufigsten Todesursachen in Nigeria


Zwischen Igbos und Interlaken

Dr. Ignatius Okoli, leitender Priester in Interlaken, ist Nigerianer. Er hat uns in sein Heimatland eingeladen und hat die Verantwortung für die Reiseorganisation und unsere Sicherheit übernommen. Er hat Brücken zwischen der nigerianischen und unserer Kultur gebaut. Er hat uns die Tür zu den Menschen und zu ihren Herzen geöffnet. Ohne ihn wäre es uns nicht möglich gewesen, so rasch so viele Facetten Nigerias kennen zu lernen.

Vor allem wissen wir nun um den enormen Spagat, den Ignatius zu leisten vermag – zwischen der Welt der Igbos und der unseren. Ganz herzlichen Dank dir, lieber Ignatius, unser aller Brückenbauer und Türöffner!


Teilnehmende berichten: Hochs und Tiefs der Nigeriareise   

Radio-Tipp

Dienstag, 2. Juni, 21.00-22.00: Radio BeO, Kirchenfenster:

Nigeria-Reise mit Interviews und westafrikanischer Musik.

Daalunu - danke!

Letzten Winter haben die «Swiss Friends of Nigeria» ihre geplanten humanitären Projekte vor Ort umgesetzt. Viele Schweizer Sponsoren – zahlreiche davon aus dem Berner Oberland – haben dies möglich gemacht.

Die «Swiss Friends of Nigeria» vor Ort

Von Dr. theol. Ignatius Okoli, leitender Priester Interlaken und Brienz Oberhasli

Zehn «Swiss Friends of Nigeria» haben im Winter zwei Wochen lang Projekte in nigerianischen Spitälern, Schulen, Alters- und Kinderheimen sowie zwei medizinische Tage realisiert und dabei Beeindruckendes erlebt. Die Menschen in Nigeria sind sehr dankbar. Die «Swiss Friends of Nigeria» danken folgenden Sponsoren ganz herzlich, die diese Hilfe vor Ort ermöglicht haben:

  • Kirchgemeinden: Thun, Gstaad, Spiez, Oberhasli Brienz, Interlaken
  • Ärzt*innen: Dr. med. Daniel Schenk, Walk-In-Clinic Interlaken; Dr. med. Urs Allenspach, Wengen; Dr. med. Erna Negri, Frutigen; HANI Hausarztnotfall, Interlaken; Abteilung Neonatologie, Spital Interlaken; Dr. med. Helen Hochreutener, Interlaken; Dr. med. Marcel Baumgartner, Bönigen; Dr. med. dent. Amir Gadzo, Interlaken
  • Firmen: Schiller Reomed, Anandic, Milupa AG, Wander AG, Bimbosan AG
  • Weitere: Exerzitienfreunde Thun und Interlaken, anonyme Spender*innen


Ich danke auch allen «Swiss Friends of Nigeria» von Herzen für ihre freiwillige Arbeit und bete um Gottes Segen für euch alle.