«Die Esel sind meine Arbeitskollegen»

«In jener Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde», lesen wir in der Weihnachtsgeschichte. Und heute? Seit 33 Jahren zieht der Tessiner Hirte Rudy Canonica mit Schafen von einer Winterweide zur nächsten. Das Berner Mittel- und Seeland kennt er wie seine Hosentasche. Sein Beruf ist uralt und geht auf seine Art auch mit der Zeit.


Text: Anouk Hiedl, Fotos: Rolf Sterchi


Ein weissmelierter Bart und buschige Augenbrauen umrahmen sein wettergegerbtes Gesicht. Die blauen Augen blicken wachsam und wirken jung. Schwierig zu sagen, wie alt Rudy Canonica sein mag. Ursprünglich wollte er Maurer werden. Oder Landschaftsgärtner. Als Zehnjähriger ging er erstmals auf die Alp. «Wir waren mit Maultieren und Pferden unterwegs. Und wir haben von Hand gemolken, ohne Strom.»

Er ist mit Tieren aufgewachsen. Das hat ihm gefallen. So kam es, dass er 1986 erstmals mit Schafen von einer Winterweide zur nächsten zog. Daraufhin machte er sich jeden Winter als Wanderhirte auf den Weg: erst durch den Kanton Solothurn und das Grenzgebiet Bern–Freiburg, seit 28 Jahren auch durch das Berner See- und Mittelland. «Ich kenne jeden Schlupfwinkel und jeden Schleichweg hier und weiss, wo ich Futter für die Tiere finden kann», sagt er.

Unterwegs übers Feld zur nächsten Winterweide in der Nähe von Säriswil.



Rund 20 Bauern aus der Region vertrauen ihm jährlich ihre Schafe an. Im November kommt Rudy Canonica aus dem Capriascatal (TI) ins Berner Gürbetal. In der alten Belper «Schafschür» in der Nähe des Flughafens schneiden er und Kurt Danioth, ein weiterer der wenigen Schweizer Wanderhirten, den Schafen die Klauen. Ruhig, aber bestimmt, führen sie die Tiere. Bei manchen dauert die Prozedur fünf Minuten, bei härteren Klauen länger.
Hirtenkollege Fiorenzo schert ihnen das Hinterteil. «So bleiben sie einfacher sauber», erklärt Rudy. Die Anzahl und Farbe der Markierungen auf den Schafrücken zeigen, welchem Bauern jedes Tier gehört und ob es im Frühling werfen soll oder zum Metzger kommt.

Ab und zu fährt ein Bauer vor und bringt seine Schafe. Die Herde wächst. Je nach Wetter ist sie zwischen Ende November und Mitte Dezember komplett, und die Winterwanderschaft kann beginnen.Die meisten Bauern lassen die Schafherde auf ihren Weiden grasen. Einige Landstücke sind aber tabu. «Auch bei Gärten muss ich gut aufpassen, dass wirklich alle Schafe nebendran laufen.» Drei Hunde helfen ihm, die Herde voranzubringen und beisammen zu halten. «Hirtenhunde auszubilden, ist eine lange und anspruchsvolle Arbeit. Nicht alle Hunde sind gleich. Doch wir spannen zusammen, und sie lernen. Das bereitet mir Freude.» Auch die Schafe mag er, alle zusammen.
«Das Leitschaf ist eine Persönlichkeit. Es gibt immer auch ein paar schwierige Tiere. Es sind stets die gleichen, die ich auf der Pike habe.» Einmal sei ihm ein Schaf im Wald ausgerissen. Zwei Stunden später erfuhr er, wo es gesehen wurde. Rudy Canonica ging zurück, fand es und holte es zur Herde zurück. So etwas komme selten vor. «Bei einem Wetterumschwung oder Gewitter, ja, da ist das Verhalten der Schafe unvorhersehbar. Das ist auch bei Rindern so. Das Leben als Hirte ist nicht idyllisch und stressfrei – nicht mit 800 Schafen. Das sehen und verstehen viele Leute nicht.»

 


Rudy Canonica ist auch mit vier Eseln unterwegs. «Ohne sie geht es nicht. Sie sind meine Arbeitskollegen.» Sie schleppen, was der Wanderhirte tagsüber braucht: Proviant, warme Getränke, Reservekleider, Stiefel, Medikamente für die Schafe und einen Stromgenerator, um den mitgeführten Zaun elektrisch zu laden. Jeder Esel trägt gut und gern 50 Kilo.»

Früher hatte Rudy Canonica auch ein Zelt und eine Blache zum Übernachten dabei. Heute kocht und schläft er nach einem langen, kalten Wintertag in einem ausrangierten Armeelastwagen. «In monatelanger Arbeit habe ich ihn zu einem fahrbaren, geheizten ‘Chalet’ umgebaut – mit Backofen. So konnte früher auch meine Familie mitkommen.» Im Camion kann er schwerere Dinge und weitere Reserven lagern. Das entlastet auch die Esel: Früher führte jedes der Tiere 90 Kilo Material mit.

Nach dem Frühstück um 06.00 rekognosziert Rudy Canonica die Umgebung mit einer Stirnlampe, macht sich auf Futtersuche für die Tiere und plant die Tagesroute entsprechend. «Ich finde nicht immer an den gleichen Orten Futter. Es ist jedes Jahr anders, ich muss in jeder Ecke suchen gehen. Früher gab es überall Gras. Heute hat es weniger Brachland, es ist komplizierter geworden. Die Bauern bebauen ihre Felder intensiver, arbeiten mit Maschinen und düngen das Land viel mehr als vor 33 Jahren. Wir Hirten müssen uns diesem Wandel anpassen.»

Nach Tagesanbruch rollt Rudy Canonica die 250 Meter Elektrozaun ein, belädt die Esel und ist bis zum Abend wieder mit der Herde unterwegs. «Wo und wie lange die Schafe weiden können und wie weit wir pro Tag kommen, hängt vom Gras und dem Dünger auf den Winterweiden und vom Wetter ab. Bei Schnee kommen wir langsamer voran.» Um etwa 19.00 zäunt der Hirte die Schafe für die Nacht wieder ein und geht zu Fuss zum letzten Zwischenhalt zurück. Dort holt er seinen Camion ab, fährt ihn zur Herde, stellt ihn auf flachem Untergrund ab und feuert drinnen schliesslich ein. «Immer ein Schritt nach dem anderen», so Rudy Canonica. Abendessen gibt’s um 22.00. Es sind lange Tage.

Als Hirte ist es Rudy Canonica gewohnt, allein zu sein, in Krisenzeiten auch einsam. «Manchmal ist es besser, auch dann allein zu sein.» Er ist gern sein eigener Chef. Und ihm ge fallen das Leben und die Arbeit draussen mit den Tieren. In der Natur hat er unzählige Regenbogen gesehen, auch doppelte. Einmal sei er auf einem Berg gewesen. Nebel hing über der Landschaft. «Plötzlich kam die Sonne durch und ein kleiner, runder Regenbogen erschien gerade vor mir. Ich konnte mich als Schatten darin spiegeln. Das war aussergewöhnlich!»

In Wohnungen ist es Rudy Canonica zu warm. Und nie sei es still. «Immer hört man irgendetwas: Geräusche, Lärm, Verkehr.» In seiner Alphütte oder im Lastwagen, da sei ihm wohl. Weihnachten hat er früher mit seiner Familie gefeiert, mit Frau und Kind. Daran erinnert er sich gern. Heute verbringt er Heiligabend lieber ruhig in seinem Camion oder mit den Menschen des Bauernhofs, wo er sich waschen kann. «Als Hirte bin ich immer draussen. Wenn viele gut gekleidete Leute zu Fuss unterwegs sind, merke ich, dass Sonntag ist. Daran hänge ich nicht mehr. Für mich kann auch mal an einem Mittwoch Sonntag sein oder im Sommer Weihnachten.»

Wanderschafherden im Kanton Bern


Mit Schafen im Winter unterwegs zu sein, ist eine weit zurückreichende Tradition, um die vorhandene Futtergrundlage auf Winterweiden zu nutzen. Im Kanton Bern gibt es gemäss dem Kantonstierarzt Dr. Reto Wyss je nach Jahreszeit zwischen 65000 und 90000 Schafe. Rund 5000 sind im Winter jeweils auf Wanderschaft. Kantonal seien sieben Wanderschafherden fürs Winterhalbjahr vom 15. November bis 15. März bewilligt. ah